Sonntag, 27. Februar 2022

Die sich langsam ausbreitenden Wellen des Sees - eine Qigong-Übung zur Entspannung

Heute möchte ich noch einmal auf die Entspannungsübungen des Qigong zurückkommen, von denen ich ja letztes Jahr schon einige gepostet habe.

Mittels dieser heutigen Methode wird durch ein einfaches bewegtes Vorstellungsbild ein Gefühl der Gelöstheit und der Entspannung im ganzen Körper herbeigeführt, welches die Regulationsprozesse von Qi und Blut im ganzen Körper unterstützt. Wie schon die bisherigen wird auch diese Übung am Qigong-Forschungsinstitut Shanghai unterrichtet.

Die Übung kann in jeder Körperhaltung ausgeführt werden, im Stehen, Sitzen oder Liegen, und auch im Gehen. Es braucht auch keine spezielle Atmung, man atmet natürlich, durch die innere Ruhe wird sich die Atmung ohnehin vertiefen.

Beim Üben stellt man sich den Körper wie einen See vor, wobei das Dantian (d.h. der Bereich um den Nabel herum) bzw. das Tor des Lebens (Mingmen, hier ist der ganze Bereich um den 2. Lendenwirbel gemeint) die Mitte des Sees bilden.

Die Oberfläche des Sees wird von feinen Wellen gekräuselt. Diese breiten sich vom Dantian oder dem Mingmen aus kreisförmig aus, bis sie im ganzen Körper spürbar sind. Diese Entspannungswellen, die im Zentrum ihren Ursprung haben, gehen also allmählich nach außen, umfassen schließlich den ganzen Körper und führen damit zu einem sich immer noch weiter vertiefenden Gefühl der Lockerheit, Leichtigkeit, Weichheit und Entspannung.

Diese Vorstellung der sich vom Zentrum ausbreitenden Wellen wiederholt man einige Male, bis man das Gefühl hat, sich in einem äußerst angenehmen, ruhigen, wie schwebenden Zustand zu befinden.

Der konkrete Übungsablauf ist so:

Zuerst nimmt man eine bequeme Haltung ein, im entspannten Stehen, in einer aufrechten Sitzhaltung (man kann sich auch auf ein bequemes Sofa setzen, solange man so halbwegs aufrecht bleiben kann) oder im Liegen (auf dem Rücken, die Beine etwas geöffnet und die Arme seitlich neben dem Körper liegend). Oder man übt einfach im langsamen Gehen.

Man konzentriert sich auf die Atmung und lässt den Atem ein paar Minuten lang möglichst natürlich kommen und gehen. Dabei spürt man bewusst den sich einstellenden Zustand der Ruhe.

Dann stellt man sich den Körper als See vor. Das Wasser des Sees ist vollkommen transparent und klar, sodass man bis auf den Grund sehen kann. Man bleibt für eine Weile bei diesem Bild des Sees, und sieht dann mit dem inneren Blick, wie sich, von der Mitte des Sees (Dantian oder Mingmen) ausgehend, kleine Wellen zu erheben beginnen. Diese dehnen sich immer weiter aus, bis sie die ganze Oberfläche des Sees bedecken.

Je mehr sich die Wellen ausbreiten, desto mehr entsteht ein Gefühl des Lockerwerdens und Entspannens, und es vertieft sich immer mehr. Um dieses Gefühl geht es, man verweilt bei ihm für so lange, wie man möchte. Schläft man im Liegen ein, ist es auch gut.

Um die Übung abzuschließen, konzentriert man sich auf das Dantian und atmet absichtlich dreimal tief ein und aus.

Der Speichel, der beim Üben entstanden ist, wird schließlich hinuntergeschluckt und gedanklich ins Dantian gesandt. Abschließend die Hände reiben.

Freitag, 25. Februar 2022

Der Flug des Riesenvogels Peng

„Der Riesenvogel Peng breitet seine Schwingen aus" - die nächste Bewegung aus der Übungsfolge zur Regulierung von Bewegung, Atem und Qi.

Es hat sich heute sehr eigentümlich angefühlt, ein Qigongvideo zu drehen, wie jeder von uns bin auch ich von den Ereignissen erschüttert und kann nicht so tun, als ob nichts passiert wäre.

Darum mache ich mir zu Beginn und Ende des Videos skizzenhaft Gedanken darüber, was die uns in unserer Kultur fehlenden östlichen Bildungs- und Schulungssysteme für Geist und Körper (Qigong, Meditation, Taiji, Yoga etc.) für das moderne Leben bedeuten könnten. 

Die Probleme der Welt werden durch Meditation oder Qigong sicher nicht gelöst, auch nicht die Probleme des Einzelnen, und doch bin ich überzeugt davon, dass diese alten Traditionen, wenn man sie ernst nimmt und nicht missbraucht, einen (vielleicht sogar notwendigen) ergänzenden Beitrag zum Projekt der Aufklärung und des zivilisierten Lebens und Zusammenlebens der Menschen leisten könnten.


Dienstag, 22. Februar 2022

Eine weitere Stunde Frühlings-Qigong...

Heute geht es wieder weiter mit der Folge einfacher Bewegungen zur Regulierung von Bewegung, Atem und Qi.

Am Ende des Videos zitiere ich eine Zeile aus einem Gedicht des Philosophen Shao Yong 邵雍 (1011-1077): In die sechsunddreißig Paläste kehrt der Frühling ein. 

Damit bezieht sich Shao Yong auf den Zustand tiefster Ruhe und Gedankenleere während der daoistischen Meditation, wenn sich das Qi im ganzen Körper (die sechsunddreißig Paläste) ausbreitet und ein Gefühl höchsten Wohlbefindens (der Frühling) erzeugt. 

Doch gilt der Satz nicht nur für die Meditation, sondern auch für einfache bewegte Qigong-Übungen wie die im heutigen Video. Es mag schon so sein, dass man in der Bewegung nicht immer die tiefste Gedankenleere findet, doch sind in jeder Qigongübung dieselben Grundprinzipien am Werk. Es geht um Entspannung, Ruhe, Natürlichkeit, und um ein Gefühl der Leichtigkeit und Gelöstheit. Je mehr man sich darauf einlassen kann, desto mehr kann sich der belebende Fluss des Qi einstellen. Im stillen Yin regt sich das Yang, es steigt auf, dehnt sich aus und wärmt den ganzen Körper, und kehrt in der Folge wieder zum Ursprung zurück und nährt das Yin.

Shao Yong bezeichnet in seinem Gedicht den Ort, an dem das eine Yang geboren wird, als Wurzel des Himmels, und den Ort, an dem das eine Yin geboren wird, als Höhle des Mondes.

乾遇巽時觀月窟
地逢雷處見天根
天根月窟閒來往
三十六宮都是春

Trifft das Schöpferische Qian 乾 auf den Wind Xun 巽, erblickt man die Höhle des Mondes,
In der Begegnung der Erde Kun 坤 mit dem Donner Zhen 震 sieht man die Wurzel des Himmels.
In müßigem Kommen und Gehen zwischen der Wurzel des Himmels und der Höhle des Mondes, 
Kehrt in die sechsunddreißig Paläste der Frühling ein.


Sonntag, 20. Februar 2022

Pflaumenblüten im Mondlicht

Pflaumenblüten blühen sehr früh, manchmal schon im Jänner, und sind damit Vorboten des nahenden Frühlings. Da sie Kälte, Frost, Eis und Schnee zu trotzen vermögen, gelten sie als Symbol für Widerstandskraft, Stärke, Reinheit, Bescheidenheit und Mut. 

Der konfuzianische Philosoph Zhu Xi 朱熹 (1130-1200) erkannte in der sich entfaltenden Pflaumenblüte die vier Tugenden yuan 元, heng 亨, li 利 und zhen 貞 des Yijing (von Richard Wilhelm als Erhabenes Gelingen fördernd, durch Beharrlichkeit übersetzt), und sah in ihr den großen Prozess verkörpert, der vom Ursprung Wuji 無極 und der uranfänglichen Einheit Taiji 太極 über den beständigen Wandel von Yin 陰 und Yang 陽 zur großen Harmonie aller Wesen zwischen Himmel und Erde führt.

Im Zen-Buddhismus steht die Pflaumenblüte für Satori, das geistige Erwachen, symbolisiert in der Fähigkeit, die kleinen weißen Blüten von Schneeflocken unterscheiden zu können.

Hier ist, als Hoffnung auf bessere Zeiten nach einem weiteren Winter der Pandemie ein Bild von Pflaumenblüten des Malers Wang Mian (Wang Yuanzhang) aus der Mongolen-Dynastie. 

A Prunus in the Moonlight, 1300s. Wang Mian (Chinese, 1287-1359). Hanging scroll, ink on silk; painting: 164.6 x 94.6 cm (64 13/16 x 37 1/4 in.); overall: 260.6 x 116 cm (102 5/8 x 45 11/16 in.). The Cleveland Museum of Art, Leonard C. Hanna, Jr. Fund 1974.26

Wang Mian 王冕 (1287-1359): 月下梅花圖 Pflaumenblüten im Mondlicht

海雲初破月團團
獨鶴高飛夜未殘
一片笙簫湖水上
玉妃含笑倚闌干

王元章作

Das Wolkenmeer bricht auf und enthüllt das Rund des Mondes.
Ein einzelner Kranich fliegt hoch, die Nacht ist noch jung.
Klare Klänge von Sheng1 und Xiao2 wehen über den See.
Lächelnd lehnt die Jade-Konkubine am Geländer.

Verfasst von Wang Yuanzhang

1. die Sheng ist eine Mundorgel
2.  die Xiao ist eine Langflöte aus Bambus

Freitag, 18. Februar 2022

Qigong für den Frühling, in Leichtigkeit und Muße ...

Hier ist, in Leichtigkeit, Unbeschwertheit und Muße zu üben, eine sehr einfache Übung für den Frühling (sie gehört zu der Folge von Übungen zu Regulation von Atem und Qi, kann aber natürlich auch für sich alleine geübt werden).

Xiaoyao you 逍遙遊 - Wandern in Leichtigkeit und Muße, dies ist die innere Verfassung, die das Qi der Leber befreit. Gan xi tiaoda 肝喜條達 - die Leber erfreut sich an ungehindertem Fluss und freier Ausbreitung des Qi, wie ich schon in einem früheren Posting erwähnt habe.

Der Name einer traditionellen Kräuterformel zur Regulierung des Leber-Qi lautet darum auch Der freie und unbeschwerte Wanderer. Der Ausdruck selbst stammt aus dem ersten Kapitel des Zhuangzi, in welchem er das daoistische Ideal des Menschen beschreibt, der getragen von der Wahrheit von Himmel und Erde und gezogen vom Gespann der sechs wechselnden Qi durch die Reiche des Unendlichen schweift (oder sich fröhlich auf den Flüssen und Seen dahintreiben lässt). 

Das erinnert auch an Konfuzius, der sich eines Tages nach den Herzenswünschen seiner Schüler erkundigt, welche, ihrer besonderen Stellung als Schüler des großen Meisters bewusst, entsprechend würdige Antworten geben. Nur ein Schüler äußert einen ganz anderen Wunsch, nämlich, sich im Spätfrühling leicht gewandet zusammen mit Freunden zum Regenaltar am Fluss zu begeben, dort zu baden, die kühle Brise zu genießen und danach singend heimwärts zu ziehen. Es wird berichtet, dass Konfuzius darauf mit einem tiefen Seufzer sagt: „Ich halte es mit dir".

So ist die Übung heute gemeint, als erfrischende Brise nach einem Bad beim heiligen Hain im Frühling. Unser Qi wird seit so langer Zeit schon von allen Seiten gedrückt, gepresst und gequetscht, da tut es gut, es frei zwischen Himmel und Erde fließen und über Flüsse und Seen treiben zu lassen.


Dienstag, 15. Februar 2022

Die Harmonie des Ganzen - eine Qigong-Übungsstunde

Hier ist ein längeres Übungsvideo mit einer Folge einfacher Übungen, zum Mitüben gedacht, und auch zum Wohlfühlen, währenddessen und danach.

Um wieder einmal das Üben in einen größeren Kontext zu stellen, zitiere ich in den anfänglichen Bemerkungen Alfred North Whitehead, der in seinem Hauptwerk Prozess und Realität meint: „Philosophische Auffassungen sind die eigentliche Basis des Denken und des Lebens...Wie wir denken, so leben wir."

Dies haben wir in den zwei Jahren Pandemie erfahren. Eine andere Auffassung von Gesundheit und Krankheit außerhalb des naturwissenschaftlichen Konsensus zu denken, war nicht möglich, darum war die Chinesische Medizin trotz ihrer unbestreitbaren Erfolge auch nie ein Thema, sie wurde entweder gar nicht wahrgenommen, im besten Fall ignoriert, im schlechtesten Fall ohne inhaltliche Auseinandersetzung als Schwurblerei kategorisiert und abgetan. Dass es mehr als nur eine Art des Denkens und Erkennens gibt, geht im ideologisch geprägten Diskurs unter.

Qigong zu üben, kann da helfen. Qigong, ganz abgesehen davon, dass man vom Üben gesünder werden und sich demgemäß wohler fühlen kann, kann als eine mögliche notwendige Korrektur dieser einseitigen Sichtweise verstanden werden. Es ist eine sowohl körperliche als auch geistige Einübung in ein Denken, in dem lebendige Natur, Erde und Universum nicht getrennt werden von Mensch und menschlicher Gesellschaft.

Der Mensch ist von Natur aus sozial, man kann nicht nicht in Beziehung sein. Zivilisiertes Leben im alten chinesischen Sinn bedeutet, zusammen mit den Zehntausend Wesen in Harmonie und Einklang mit dem Dao als dem größtmöglichen Sinnzusammenhang zu sein. Ich gebe gern zu, dass Gedanken wie diese, solange sie nicht detaillierter ausgeführt werden (und hier ist einfach nicht der Platz dafür) kitschig, schwammig und auch nicht zeitgemäß klingen, doch ist man bereit, etwas tiefer zu gehen, so wird man finden, dass die Philosophie Chinas sehr wohl Inhalte und Erkenntnisse bereithält, die große Relevanz und Bedeutung auch für unsere moderne Welt besitzen.

Die Einseitigkeit eines von der Natur abgespaltenen Denkens, in Wissenschaft, Politik, Wirtschaft etc., bedroht inzwischen den ganzen Planeten. Es werden dringend neue Wege des Denkens gebraucht, die den Rahmen verändern, innerhalb dessen Wissenschaft, Politik, Wirtschaft praktiziert werden, damit eine andere Form des Zusammenlebens entstehen kann, nicht nur der Menschen miteinander, sondern auch der Menschen mit allen Lebewesen der Erde sowie mit der Erde selbst als lebendigem Wesen. 

Qigong zu üben, wird das Problem sicher nicht lösen, doch kann es dazu beitragen, die Aufmerksamkeit auf ein Denken zu richten (und dieses auch körperlich erlebbar zu machen), das in seinem Ansatz Teil einer Lösung sein könnte. 

Sonntag, 13. Februar 2022

Tee aus roten Datteln und Goji-Beeren

Die chinesische rote Dattel (auch bekannt als hongzao 紅棗 / dazao 大棗 / Jujubae Fructus) ist eine der wichtigsten tonisierenden Heilpflanzen der Materia Medica der TCM, die auch in vielen Nahrungs- und Tee-Rezepturen der Diätetik zur Anwendung kommt. Die roten Datteln werden als süß und warm klassifiziert und wirken auf die Meridiane von Milz (pi 脾) und Magen (wei 胃).

Kennt man die charakteristischen Qi-Eigenschaften eines bestimmten Lebensmittels und die Meridiane, durch die es in den Körper gelangt, dann kann man bereits eine Vorstellung davon haben, welche Qi-Wirkung es auf den Körper hat. Bei den roten Datteln ist es so, dass sie das Qi der Verdauung tonisieren und harmonisieren, das Blut nähren und Flüssigkeiten erzeugen. Sie haben auch eine „entgiftende“ Wirkung und werden daher verwendet, um Nahrungsmitteln oder anderen Substanzen, die sich gegen unser natürliches, gesundes Qi richten, entgegenzuwirken oder sie zu mildern.

Es gibt viele Rezepte für verschiedenste Suppen, Eintöpfe, Congees und Tees, in denen rote Datteln enthalten sind. Hier möchte ich einen Tee vorstellen, der traditionellerweise im Frühjahr für den Zeitraum von ein bis zwei Wochen täglich getrunken wird.


Dazao Gouqi Cha 大棗枸杞茶 - Tee aus roten Datteln und Goji-Beeren

Zutaten:

5 getrocknete rote chinesische Datteln, entkernt
1 Esslöffel Gojibeeren
4 große Tassen Wasser

Zubereitung:

1. Bereits entkernte Datteln einfach unter fließendem Wasser gut abwaschen und dann mit der Spitze eines scharfen Messers ca. 7 kleine Schnitte in die Datteln machen (wenn die Datteln entkernt sind, ist es einfacher, sie zunächst etwa 20 Minuten in kaltem Wasser einzuweichen, sie dann zu halbieren und die harten Kerne zu entfernen. In diesem Fall ist es nicht nötig, weitere Schnitte in das Fruchtfleisch zu machen).

2. Datteln und Gojibeeren in einen Topf mit 4 Tassen kaltem Wasser geben und bei starker Hitze zum Kochen bringen. Dann den Deckel auflegen, die Hitze auf niedrig stellen und 20 bis 30 Minuten köcheln lassen, bis das Wasser eine rötliche Farbe annimmt. Zu diesem Zeitpunkt wird das Wasser um etwa die Hälfte reduziert sein, die Datteln sind weichgekocht und alle Qi-Eigenschaften sind im Teewasser enthalten.

3. Den Tee abgießen und in zwei Portionen teilen (die Datteln wegwerfen). Eine Portion wird am Morgen (zwischen Frühstück und Mittagessen) und die zweite Portion am Abend getrunken.


Dieser Tee hat die fast unmittelbare Wirkung der Beruhigung des Herz-Qi, was einen erholsamen Schlaf ermöglicht. Im Frühjahr ca. ein bis zwei Wochen lang täglich getrunken, wärmt und unterstützt er das Qi von Milz und Magen, erzeugt Körperflüssigkeiten (siehe weiter unten), nährt das Blut, beruhigt den Geist, reguliert die Emotionen, harmonisiert die Yin- und Yang-Aspekte des Immunsystems, stärkt das Qi und das Yin der Leber, und hellt auch die Augen auf und beruhigt sie.

Nach dem berühmten medizinischen Gelehrten Li Shizhen 李世珍 aus dem 16. Jahrhundert (einem der Begründer der traditionellen chinesischen Kräutermedizin) gelangen rote Datteln über den Milzmeridian in die Blutebene des Qi und können so Yin und Yang, die innere und äußere Ebene des schützenden Qi, harmonisieren und „Yin- und Yang-Flüssigkeiten" erzeugen - d. h. jene Flüssigkeiten, die für die Schmierung aller inneren Organe des Körpers, der Sinnesorgane und des Gehirns verantwortlich sind, sowie jene, die für die Speichel- und Schweißproduktion und die Befeuchtung des „äußeren" Körpers benötigt werden.

Im Shennong Ben Cao Jing 神農本草經 (dem allerersten Buch der Materia Medica, das im 3. Jahrhundert geschrieben wurde) wird die rote Dattel als "überlegenes Arzneimittel" eingestuft, da sie „das pathogene Qi in Herz und Unterleib reguliert, die Mitte beruhigt, die Milz nährt und die zwölf Kanäle unterstützt. Sie beruhigt das Magen-Qi, deblockiert die neun Körperöffnungen, tonisiert vermindertes Qi und Flüssigkeitsmangel, wirkt gegen jede Art von Unzulänglichkeit im Körper, gegen starke Nervosität, gegen Schwere der Gliedmaßen und harmonisiert die hundert Arzneimittel.“

Gojibeeren unterstützen und verstärken all diese Wirkungen. Sie haben einen süßen Geschmack und sind von Natur aus neutral. Sie gelangen in den Körper durch die Meridiane der Leber (gan 肝), der Lunge (fei 肺) und der Nieren (shen 腎). Da die Gojibeere weder wärmend noch kühlend wirkt, hat sie eine tonisierende Wirkung auf Qi und Yin von Leber und Niere, was bedeutet, dass sie das Qi des Blutes und der Essenz erreicht. Diese Beere hat auch eine besondere Wirkung - sie fällt in die Kategorie der tonisierenden Kräuter für das Jing 精 / die Essenz und „erhellt die Augen". Ihre befeuchtenden und anreichernden Eigenschaften befeuchten die Lungen, lindern Trockenheit und Schwindel durch Wind (entweder inneren Wind, der eine Manifestation von erschöpftem Leber-Yin ist, oder äußeren Wind durch das Wetter).

Man kann also sagen, dass dieser einfache Tee, der traditionellerweise während eines kurzen Zeitraum im Frühling getrunken wird, wirklich ein "überlegenes Arzneimittel" für unsere moderne Zeit ist, insbesondere für diesen dritten Frühling der Pandemie, in der unser Lebens immer noch unter starkem Druck steht, durch den das Qi und das Yin im Allgemeinen erschöpft und der freie und leichte Fluss des Lebens gestört wird.

Vor fast zwei Jahren haben wir einen ähnlichen Tee aus Ingwer und roten Datteln gepostet. Der Tee war damals für die Übergangszeit in den Sommer gedacht, er kann aber auch im Frühling getrunken werden. In diesem Fall trinkt man den Tee aus Ingwer und roten Datteln in der Früh (1 Tasse), und den Tee aus roten Datteln und Goji-Beeren am Abend (ebenfalls 1 Tasse). Fühlt man sich erschöpft, trinkt man allerdings nur den Tee aus roten Datteln und Goji-Beeren.

Ingwer und Gojibeeren bekommt man inzwischen fast überall. Rote Datteln findet man in jedem Geschäft für chinesische Lebensmittel. Am besten kauft man Gojibeeren und rote Datteln aber in einer Apotheke, die TCM-Kräuter führt. Rote Datteln können nicht mit anderen Datteln ersetzt werden.

Donnerstag, 10. Februar 2022

Im Frühling sorgt man für die Leber.

Das Wetter war heute frühlingshaft warm, das schlägt sich auch in der Thematik hier auf dem Blog nieder. „Im Frühling sorgt man für die Leber", heißt es in der Chinesischen Medizin und auch im Qigong. Die Übungen des heutigen Videos machen genau dies, sie sorgen für die Leber, indem sie das Qi der Leber nähren und unterstützen.  

Zur Leber und ihren Qi-Funktionen hat Kerry vorletztes Jahr schon einen Beitrag geschrieben. Hier ist der Link für diejenigen, die den Beitrag nachlesen wollen: Zur Methode der Heilenden Laute für das Leber-Qi. Doch gibt es zur Leber noch viel mehr zu sagen. 

Heute möchte ich auf eine grundlegende Funktion der Leber eingehen. Die Leber ist verantwortlich für den freien Fluss und die ungehinderte Ausbreitung des Qi. Shuxie 疏泄 lautet der chinesische Begriff, der das Beseitigen von Hindernissen bedeutet, um einen freien, glatten, ungehinderten Fluss von Qi und Blut im ganzen Körper zu ermöglichen.

Diese Funktion der Leber steht im Zusammenhang mit der Regulierung der Qi-Bewegung im gesamten Körper. Qi-Bewegung ist ein Begriff der Chinesischen Medizin, der den Fluss des Qi in vier kardinalen Richtungen bedeutet (qiji 氣機 auf Chinesisch, sehr oft findet man den Begriff auch als Qi-Mechanismus übersetzt). Regulierung der Qi-Bewegung bedeutet konkret die Regulierung der natürlichen Bewegungen des Qi nach oben, nach unten, nach außen und nach innen. 

Diese vier Bewegungsrichtungen stellen die Grundformen der Qi-Transformation dar (qihua 氣化, ein anderer Grundbegriff der Chinesischen Medizin). Die Qi-Transformation ist ein im Körper des Menschen unablässig stattfindender Prozess, der durch die Aktivität der inneren Organe vor sich geht. Die inneren Organe (auch die Meridiane, Qi, Blut, Körperflüssigkeiten, Nahrungs-Qi, Abwehr-Qi, Yin und Yang) sind alle durch den Qi-Mechanismus (die Bewegungen aufwärts, abwärts, nach außen und innen) miteinander verbunden, wodurch die Funktionen des Lebens und damit die Gesundheit aufrechterhalten werden. 

In dieser Beschreibung, simpel und allgemein wie sie ist, kann man schon erkennen, welch wichtige Funktion die äußerlich oft sehr einfach erscheinenden Qigongübungen haben. Traditionelles Qigong orientiert sich immer an den Grundbewegungen des Qi (hinauf, hinab, hinaus, hinein), die ruhigen, geregelten Bewegungsabläufe mit dem steten Öffnen, Heben, Schließen und Senken fördern den Qi-Mechanismus und damit die Prozesse der Qi-Transformation und unterstützen alle Funktionen des Lebens.

Leber und Gallenblase haben hierbei eine besonders wichtige Funktion: Es ist nämlich die Qi-Transformation von Leber und Gallenblase, die die Qi-Transformation der anderen Organe (und der entsprechenden Meridiane) fördert, so dass sie alle im Gleichgewicht und in Harmonie funktionieren können.

Die Funktion der Leber, für den freien Fluss und die ungehinderte Ausbreitung des Qi zu sorgen, ist also eine sehr wesentliche. Das Leber-Qi reguliert das Qi des ganzen Körpers, es harmonisiert Qi und Blut und es macht die Meridiane durchgängig, sodass alle Aktivitäten des Lebens im Gleichgewicht aufeinander abgestimmt vor sich gehen können. 


Dienstag, 8. Februar 2022

Eine Übung für das Herz

Hier ist eine Übung für das Herz, eine sehr einfache Bewegung in Verbindung mit dem Heilenden Laut „häa" oder „ha" für das Herz.

Die Übung um einiges einfacher als diejenige Heilende-Laut-Übung, die ich vor bald zwei Jahren auf den Studio-der Weißen-Wolken-Blog gestellt habe, damit passt sie sehr gut zu den anderen einfachen Übungen der letzten Zeit.

Die Wirkungen dieser Übung sind vielfältig: Es werden das Qi des Herzens (das stärkste Yang-Qi des Körpers) reguliert, das "Herzfeuer" gesenkt, Geist und Emotionen beruhigt, Qi und Blut harmonisiert, und das Yin - das Fundament oder die Wurzel des Lebens - gekräftigt. Ist das Yin geschwächt, kann es so durch das Yang gestärkt werden, womit dann auch das Yin potentielle Exzessezustände des Yang eingrenzen kann.

Laozi 老子 habe ich diesbezüglich schon einmal zitiert. In Kapitel 59 heißt es: „Wer die Mutter des Reiches besitzt, wird wohl ewig dauern. Tiefe Wurzel und fester Grund, das ist der Weg zu langem Leben und dauernder Schau".

Heshanggong 河上公 (der Alte vom Fluss) sagt dazu: „Reich und Körper meinen dasselbe. Die Mutter ist das Dao. Bewahrt der Mensch das Dao des Körpers und erschöpft nicht Essenz und Atem/Qi, dann kann er lange leben. Vermag man das Qi als Wurzel und die Essenz als Stamm zu behandeln, so wird man wie ein Baum. Sind dessen Wurzeln nicht tief, kann er entwurzelt werden, ist sein Stamm nicht solide, wird er fallen. Laozi meint hier, dass, wenn man sein Qi tief birgt und seine Essenz stark macht, die Lebenskraft nicht verloren gehen wird."

In diesem Sinn führt der Kommentator Wu Cheng 吳澄 (1249-1333) dazu aus: „Der Atem (Qi) erhebt sich von unten wie von den Wurzeln eines Baumes. Nährt man die Wurzeln, wachsen sie tief. Nährt man den Stamm, wird er stark. Solch ein Baum verdorrt nicht."


Sonntag, 6. Februar 2022

Qigong zum Frühlingsbeginn (Neuaufnahme mit besserem Ton)

Im letzten Video gab es leider Probleme mit dem Ton, darum gibt es hier eine Zweitauflage des Videos. Diesmal hat mich das Mikrophon Gott sei Dank nicht im Stich gelassen, und der Ton ist wieder in Ordnung.

Die Bewegungen sind sehr einfach, doch spreche ich eine Reihe von sehr fortgeschrittenen Inhalten des Qigong an, in dem Sinne ist es wohl gut, dass eine Neuaufnahme des Videos nötig war.



Freitag, 4. Februar 2022

Qigong zum Frühlingsbeginn

Heute ist der Zeitpunkt des Qi-Knotens lichun 立春 - Frühlingsbeginn. Das Frühlingsfest, wie der chinesische Neujahrstag auch heißt, war schon vor vier Tagen, doch wird der Zeitpunkt des Frühlingsfestes nach dem Mondkalender berechnet (der erste Neumond nach dem ersten Vollmond nach der Wintersonnenwende). Die 24 Qi-Knoten hingegen gehen mit der Sonne, ihr jährlicher Kreislauf beginnt mit dem heutigen Tag, an dem die Sonne auf 15° Wassermann steht. Mit lichun beginnt vom Qi her gesehen der Frühling.

Das heutige Übungsvideo bezieht sich darauf. Im Frühling weckt das immer kräftiger werdende Yang der Sonne das Leben in der Natur, und das Qi beginnt sich nach oben und außen zu bewegen. Das gilt auch für den Menschen, das Qi des Menschen verhält sich zu dieser Zeit genau so, es geht nach oben und außen. 

Im Qigong entspricht der geistige Aspekt des Qi (der shen 神 genannt wird) dem Yang der Sonne. Diesen verbindet man während des Übens mit den körperlichen Aspekten des Qi, mit der Essenz (jing 精) und dem Atem (qi 氣). Dies tut man, um den Boden für das Wachstum vorzubereiten. Es braucht die motivierende Kraft des Yang, um das Yin zu stützen und zu wärmen, dann kann das Qi wachsen und alle Lebensprozesse werden gefördert, so wie im Frühling Flora und Fauna wieder erwachen. 

Dienstag, 1. Februar 2022

Ein frohes Neues Jahr des Tigers!

Xinnian kuaile! 新年快樂!Ein frohes Neues Jahr!

Heute ist der erste Tag des Chinesischen Neuen Jahres. Der traditionelle ostasiatische Mondkalender besteht aus einem Zwölfjahreszyklus, wobei jedes Jahr unter einem zyklischen Zeichen steht und einem der zwölf Tiere des chinesischen Tierkreises entspricht. Die Verbindung dieser Tiere mit dem chinesischen Kalender begann schon früh, im dritten Jahrhundert v. Chr., und ist seit dem ersten Jahrhundert n. Chr. fest etabliert. 

Die zwölf Tiere sind: Ratte, Büffel, Tiger, Hase, Drache, Schlange, Pferd, Widder, Affe, Hahn, Hund und Schwein. Der Zwölferzyklus wird die Zwölf Irdischen Äste genannt, man kennt ihn bei uns auch in anderer Erscheinungsform als Meridianuhr, als im Tageslauf alle zwei Stunden wechselnder Qi-Fluss durch die zwölf Meridiane.

Für chinesische Zeitrechnung werden die Zwölf Irdischen Äste mit einem anderen Zyklus, den sogenannten Zehn Himmlischen Stämmen kombiniert. Jeder der Irdischen Äste besitzt ein zyklisches Zeichen und ist mit Yin, Yang und eine der Fünf Wandlungsphasen assoziiert.

Dieses neue Jahr steht unter den zyklischen Zeichen ren 壬 - das ist der neunte der Himmlischen Stämme, der bei den Fünf Wandlungsphasen dem Wasser entspricht - und yin 寅 - das ist der dritte der Irdischen Äste, der dem dem Tiger entspricht. 

Darum haben wir ab heute das Jahr des mutigen, heldenhaften, entschlossenen und kraftvollen Tigers. Tiger sind Symbole für Macht und Autorität, man findet sie schon vor dreitausend Jahren auf den Ritualgefäßen der Shang-Dynastie und auch auf denen der darauffolgenden Zhou-Dynastie.

Darstellungen von Tigern durchdringen fast alle Aspekte der chinesischen Kultur. Der Tiger ist der König der wilden Tiere, bei den Himmelsrichtungen steht er emblematisch für den Westen, auf Militärbannern symbolisiert er Tapferkeit und Schnelligkeit, und er ist auch eine Schutzgottheit, die die bösen Geister vertreibt.




Die Übungen zur Harmonisierung von Atem und Qi - Abschluss und die ganze Folge zum Mitüben

Dies ist nun das abschließende Video mit allen Übungen der Folge zur Harmonisierung von Atem und Qi. Zuerst gehe ich detaillierter auf den A...