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Sonntag, 30. Januar 2022

Der Abschiedsgesang von Gemahlin Yu

Hier ist ein Ausschnitt aus einer Kunqu 崑曲- Oper, einer der ältesten erhaltenen Opernformen weltweit, entstanden im 13. Jahrhundert und Teil des UNESCO Immateriellen Kulturerbes der Menschheit.

Dieses Opernstück zeigt Yu Ji 虞姬 (Gemahlin Yu), die Frau des Heerführers Xiang Yu 項羽, wie sie einen Schwerttanz aufführt und anschließend Selbstmord begeht.

Dies ist ein sehr schönes und wunderbar verfilmtes Stück, das ich hier auch darum poste, weil Xiang Yu in einer unserer Qigongübungen vorkommt.

Er wird nämlich in der dritten der Fanhuangong-Übungen verkörpert. Der Name der Übung lautet bawang juding 霸王舉鼎 „Der Hegemon stemmt den Dreifuß aus Bronze“. Bawang ist die Abkürzung für Chu Bawang 楚霸王, das heißt übersetzt „Hegemon von Chu“, der Name, unter welchem Xiang Yu bis heute bekannt ist.

Hier ein wenig zum geschichtlichen Hintergrund, um das Video besser verstehen zu können.

Xiang Yu war ein mächtiger, gefürchteter Heerführer. Nach dem Untergang der Qin-Dynastie (der ersten chinesischen Dynastie, von deren Namen auch unser Wort „China“ für das Reich der Mitte stammt) kämpfte er gegen Liu Bang 劉邦, den nachmaligen Begründer der Han-Dynastie, um die Vorherrschaft im Reich.

Im Jahr 202 v.Chr., kam es an einem Ort namens Gaixia 垓下 zur entscheidenden Schlacht. Liu Bang hatte Xiang Yus Heer eingeschlossen und befahl seinen Truppen, Volkslieder aus der Region Chu zu singen, um den Eindruck zu erwecken, Xiang Yus Heimatland sei schon von den Truppen der Han erobert worden. Die Moral der Chu-Armee brach darauf ein, und viele Soldaten desertierten.

In aussichtsloser Lage betrank sich Xiang Yu und sang das Lied von Gaixia, um seiner Verzweiflung Ausdruck zu verleihen. Seine Gemahlin Yu führte einen Schwerttanz auf, erwiderte den Gesang und beging danach Selbstmord, um zu verhindern, dass Xiang Yu durch seine Liebe zu ihr abgelenkt würde. Xiang Yu tötete sich am nächsten Tag, als letzter Mann seines Heeres nach verlorener Schlacht.

Xiang Yus Lied von Gaixia und Gemahlin Yus Antwortgesang lauten folgendermaßen:

Xiang Yu:

力拔山兮氣蓋世 
時不利兮騅不逝 
騅不逝兮可奈何 
不逝兮可奈何   
虞兮虞兮奈若何        
                              
Mit meiner Kraft konnte ich Berge entwurzeln,
Ohnegleichen war meine Macht in der Welt.
Doch die Zeiten sind gegen mich, und mein Gescheckter* läuft nicht mehr.
Wenn mein Gescheckter nicht mehr läuft, was bleibt mir noch zu tun?
Ach, Yu, meine Yu, was wird dein Schicksal sein?

*der Gescheckte (zhui 騅) ist Xiang Yus Schlachtross

Gemahlin Yu entgegnet:

漢兵已略地  
四面楚歌聲  
大王義氣盡  
賤妾何聊生
              
Die Armeen der Han haben unser Land erobert,
Wir sind umgeben von Gesängen aus Chu.
Meines Herrn aufrechte Kraft ist gebrochen,
Wofür soll ich dann noch leben?

Im Video lautet der Gesang von Gemahlin Yu so:

玉容未必倾城国 
椒房宠爱君恩极 
四处歌声骤起   
楚军尽皆逃散  
看汉兵将至    
大势去矣     
贱妾何聊生               
                                           
Meine Schönheit lässt Städte und Reiche nicht mehr fallen,
Doch in den Palastgemächern hatte ich immer deine Liebe und Gunst.
Aus allen Richtungen ertönen die Lieder der Heimat,
Geflüchtet und zerstreut ist das Heer von Chu,
Näher rücken die Armeen der Han.
Die große Sache ist dahin,
Was hat mein Leben noch für einen Sinn?


Sonntag, 16. Januar 2022

Altes Buddhistisches Gebet

Die chinesische Vision des Kosmos ist die eines organischen Ganzen, eines großen sinnvollen Zusammenhangs sich kontinuierlich entfaltender Kreativität. Philosophie, Ethik und Moral, Medizin, Politik und Kunst werden vor dem selben Hintergrund gedacht und verstanden, eben dem des Qi und dessen schöpferischer Entfaltung zu und in einem durch und durch lebendigen Universum. Das heißt natürlich, dass das Qi nicht nur durch Taiji, Qigong und Meditation wahrnehmbar und nicht nur durch Akupunktur, Massage und Kräuter beeinflussbar ist, auch im klaren Denken kommt es in seiner Schöpferkraft und Lebendigkeit im Ausdruck, in einem dem Mitmenschen zugewandten Handeln (Gutes Tun - ein Aspekt, der im Daoismus sehr stark betont wurde und wird), und auch in der Kunst, in Malerei, Musik, Tanz, Theater, Kalligraphie.

In diesem Zusammenhang möchte ich hier den Link zu einem wunderbaren Choralwerk auf den Blog stellen. Dabei handelt es sich um das Alte Buddhistische Gebet, komponiert von einem der Genies der Musikgeschichte, der mit nur 24 Jahren verstorbenen Lili Boulanger. Sie vollendete das Werk 1917 im Ersten Weltkrieg, ein Jahr vor ihrem Tod.

Das Gebet stammt aus dem Metta Sutta, dem Sutta der Güte (des Wohlwollens, der Freundlichkeit, des Mitgefühls), einem Lehrwerk aus dem Pali-Kanon des Buddhismus. Den Text des Sutta (in der Lili Boulanger zur Verfügung gestellten Übersetzung von Suzanne Karpelès) habe ich unter den YouTube-Link gestellt, so wie er gesungen wird in Französisch, und auch auf Deutsch und Englisch.

Dieses Gebet ist zeitlos und wird wohl zu aller Zeit gebraucht..


Vieille prière bouddhique

Que toute chose qui respire, sans ennemis, sans obstacles, surmontant la douleur et atteignant le bonheur, puisse se mouvoir librement, chacune dans la voie qui lui est destinée.

Que toutes les créatures et partout, tous les esprits et tous ceux qui sont nés, sans ennemis, sans obstacles, surmontant la douleur et atteignant le bonheur, puisse se mouvoir librement, chacun dans la voie qui lui est destinée.

Que toutes les femmes, que tous les hommes, les Aryens et les non Aryens, tous les dieux et tous les humains et ceux qui sont déchus, sans ennemis, sans obstacles, surmontant la douleur et atteignant le bonheur, puisse se mouvoir librement, chacun dans la voie qui lui est destinée.

En Orient et en Occident, au Nord et au Sud, que tous les êtres qui existent, sans ennemis, sans obstacles, surmontant la douleur et atteignant le bonheur, puisse se mouvoir librement, chacun dans la voie qui lui est destinée.

Altes Buddhistisches Gebet

Alles, was atmet, soll den Schmerz überwinden und Glückseligkeit erlangen, ohne Feinde, ohne jede Behinderung, und sich in Freiheit bewegen, ein jedes auf dem Weg, der ihm bestimmt.

Alle Geschöpfe von überall, alle Geister, und alle, die geboren wurden, sollen den Schmerz überwinden und Glückseligkeit erlangen, ohne Feinde, ohne jede Behinderung, und sich in Freiheit bewegen, ein jedes auf dem Weg, der ihm bestimmt.

Alle Frauen, alle Männer, alle Arier und Nicht-Arier, alle Götter und Menschen, und alle, die gefallen sind, sollen den Schmerz überwinden und Glückseligkeit erlangen, ohne Feinde, ohne jede Behinderung, und sich in Freiheit bewegen, ein jeder auf dem Weg, der ihm bestimmt.

In Orient und Okzident, im Norden und Süden sollen alle Wesen, die existieren, den Schmerz überwinden und Glückseligkeit erlangen, ohne Feinde, ohne jede Behinderung, und sich in Freiheit bewegen, ein jedes auf dem Weg, der ihm bestimmt.

Ancient Buddhist Prayer

All that breathes shall overcome pain without enemies, without obstacles, and attain happiness and move in freedom, each on the path for which it is destined.

All creatures from everywhere, all spirits and all those who have been born, shall overcome pain without enemies, without obstacles, and attain happiness and move in freedom, each on the path for which it is destined.

All women, all men, Aryans and non-Aryans alike, all gods and all humans, and all who are fallen shall overcome pain without enemies, without obstacles, and attain happiness and move in freedom, each on the path for which it is destined.

In Orient and the Occident, North and South, all beings who exist shall overcome pain without enemies, without obstacles, and attain happiness and move in freedom, each on the path for which it is destined. 

Sonntag, 28. November 2021

Liu Shui 流水 - Fließendes Wasser

Heute kein Qigong, sondern ein Video mit einem klassischen Stück für die Qin: liushui 流水 „Fließende Gewässer“

Dieses Stück geht weit über 2000 Jahre auf die berühmte Geschichte von der wortlosen, tiefen Kommunikation zweier Freunde aus der Frühlings- und Herbstperiode der östlichen Zhou-Dynastie zurück.

Im Qinshi 秦史 (Geschichte der Qin-Dynastie) heißt es:

Der Musiker Bo Ya 伯牙 hatte einen Freund mit Namen Zhong Ziqi 鍾子期. Wann immer Bo Ya seine Qin spielte, hörte ihm Zhong Ziqi zu. Beschrieb Bo Yas Spiel die hohen Berge, sagte Ziqi: „Wunderbar, steil und hochaufragend wie der Berg Tai.“ Richteten sich Bo Yas Gedanken auf fließendes Wasser, sagte Ziqi: "Weitläufig und wogend, wie die Flüsse und Ströme.“ Was auch immer Bo Ya im Sinne hatte, Ziqi wusste es.

Einmal ergingen sich Bo Ya und Ziqi auf der Nordseite des Berges Tai. Als starker Regen einsetzte, hielten sie unterhalb eines Felsens an. Bo Ya nahm seine Qin aus der Hülle und begann zu spielen. Zuerst war es „Die Klage über den unaufhörlichen Regen", dann „Die Melodie der stürzenden Berge". Welche Melodie er auch spielte, Ziqi erkannte vollkommen, was es war.

Da legte Bo Ya seine Qin beiseite, seufzte und sagte: "Wunderbar. Was sich während des Spielens in meinem Geist findet, ist beim Zuhören auch in dem deinen. Es ist, als würden unsere Herzen gemeinsam schwingen. Wie könnten die Klänge meiner Qin dir je entkommen?“

Als Ziqi starb, wusste Bo Ya, dass er keinen zweiten solchen Seelenverwandten finden würde. So zertrümmerte er seine Zither, zerriss ihre Saiten und spielte nie wieder für den Rest seines Lebens.

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Was ich oben als Seelenverwandter übersetzt habe, heißt auf Chinesisch wörtlich: zhiyin 知音 „der die Töne (die Melodie) erkennt“.

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Dem Spiel der Qin lauschend

Hell der Mond. In alten Kiefern spielt der Wind.
Dunkler Duft schwebt über Bambusschatten.
Der Gebirgsbach klar wie früher,
doch niemand mehr hier, der kommt und geht.



Die Übungen zur Harmonisierung von Atem und Qi - Abschluss und die ganze Folge zum Mitüben

Dies ist nun das abschließende Video mit allen Übungen der Folge zur Harmonisierung von Atem und Qi. Zuerst gehe ich detaillierter auf den A...