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Dienstag, 22. Februar 2022

Eine weitere Stunde Frühlings-Qigong...

Heute geht es wieder weiter mit der Folge einfacher Bewegungen zur Regulierung von Bewegung, Atem und Qi.

Am Ende des Videos zitiere ich eine Zeile aus einem Gedicht des Philosophen Shao Yong 邵雍 (1011-1077): In die sechsunddreißig Paläste kehrt der Frühling ein. 

Damit bezieht sich Shao Yong auf den Zustand tiefster Ruhe und Gedankenleere während der daoistischen Meditation, wenn sich das Qi im ganzen Körper (die sechsunddreißig Paläste) ausbreitet und ein Gefühl höchsten Wohlbefindens (der Frühling) erzeugt. 

Doch gilt der Satz nicht nur für die Meditation, sondern auch für einfache bewegte Qigong-Übungen wie die im heutigen Video. Es mag schon so sein, dass man in der Bewegung nicht immer die tiefste Gedankenleere findet, doch sind in jeder Qigongübung dieselben Grundprinzipien am Werk. Es geht um Entspannung, Ruhe, Natürlichkeit, und um ein Gefühl der Leichtigkeit und Gelöstheit. Je mehr man sich darauf einlassen kann, desto mehr kann sich der belebende Fluss des Qi einstellen. Im stillen Yin regt sich das Yang, es steigt auf, dehnt sich aus und wärmt den ganzen Körper, und kehrt in der Folge wieder zum Ursprung zurück und nährt das Yin.

Shao Yong bezeichnet in seinem Gedicht den Ort, an dem das eine Yang geboren wird, als Wurzel des Himmels, und den Ort, an dem das eine Yin geboren wird, als Höhle des Mondes.

乾遇巽時觀月窟
地逢雷處見天根
天根月窟閒來往
三十六宮都是春

Trifft das Schöpferische Qian 乾 auf den Wind Xun 巽, erblickt man die Höhle des Mondes,
In der Begegnung der Erde Kun 坤 mit dem Donner Zhen 震 sieht man die Wurzel des Himmels.
In müßigem Kommen und Gehen zwischen der Wurzel des Himmels und der Höhle des Mondes, 
Kehrt in die sechsunddreißig Paläste der Frühling ein.


Dienstag, 15. Februar 2022

Die Harmonie des Ganzen - eine Qigong-Übungsstunde

Hier ist ein längeres Übungsvideo mit einer Folge einfacher Übungen, zum Mitüben gedacht, und auch zum Wohlfühlen, währenddessen und danach.

Um wieder einmal das Üben in einen größeren Kontext zu stellen, zitiere ich in den anfänglichen Bemerkungen Alfred North Whitehead, der in seinem Hauptwerk Prozess und Realität meint: „Philosophische Auffassungen sind die eigentliche Basis des Denken und des Lebens...Wie wir denken, so leben wir."

Dies haben wir in den zwei Jahren Pandemie erfahren. Eine andere Auffassung von Gesundheit und Krankheit außerhalb des naturwissenschaftlichen Konsensus zu denken, war nicht möglich, darum war die Chinesische Medizin trotz ihrer unbestreitbaren Erfolge auch nie ein Thema, sie wurde entweder gar nicht wahrgenommen, im besten Fall ignoriert, im schlechtesten Fall ohne inhaltliche Auseinandersetzung als Schwurblerei kategorisiert und abgetan. Dass es mehr als nur eine Art des Denkens und Erkennens gibt, geht im ideologisch geprägten Diskurs unter.

Qigong zu üben, kann da helfen. Qigong, ganz abgesehen davon, dass man vom Üben gesünder werden und sich demgemäß wohler fühlen kann, kann als eine mögliche notwendige Korrektur dieser einseitigen Sichtweise verstanden werden. Es ist eine sowohl körperliche als auch geistige Einübung in ein Denken, in dem lebendige Natur, Erde und Universum nicht getrennt werden von Mensch und menschlicher Gesellschaft.

Der Mensch ist von Natur aus sozial, man kann nicht nicht in Beziehung sein. Zivilisiertes Leben im alten chinesischen Sinn bedeutet, zusammen mit den Zehntausend Wesen in Harmonie und Einklang mit dem Dao als dem größtmöglichen Sinnzusammenhang zu sein. Ich gebe gern zu, dass Gedanken wie diese, solange sie nicht detaillierter ausgeführt werden (und hier ist einfach nicht der Platz dafür) kitschig, schwammig und auch nicht zeitgemäß klingen, doch ist man bereit, etwas tiefer zu gehen, so wird man finden, dass die Philosophie Chinas sehr wohl Inhalte und Erkenntnisse bereithält, die große Relevanz und Bedeutung auch für unsere moderne Welt besitzen.

Die Einseitigkeit eines von der Natur abgespaltenen Denkens, in Wissenschaft, Politik, Wirtschaft etc., bedroht inzwischen den ganzen Planeten. Es werden dringend neue Wege des Denkens gebraucht, die den Rahmen verändern, innerhalb dessen Wissenschaft, Politik, Wirtschaft praktiziert werden, damit eine andere Form des Zusammenlebens entstehen kann, nicht nur der Menschen miteinander, sondern auch der Menschen mit allen Lebewesen der Erde sowie mit der Erde selbst als lebendigem Wesen. 

Qigong zu üben, wird das Problem sicher nicht lösen, doch kann es dazu beitragen, die Aufmerksamkeit auf ein Denken zu richten (und dieses auch körperlich erlebbar zu machen), das in seinem Ansatz Teil einer Lösung sein könnte. 

Montag, 31. Januar 2022

Zwischen Himmel und Erde

Für den letzten Tag des Jahres des Büffels ist hier ein Video mit Übungen zur Bewegung des Qi in alle Richtungen: Hinauf und hinunter, hinaus und hinein, öffnen und schließen, ausdehnen und verdichten. 

Es klingt sehr simpel und einfach, aber diese Grundbewegungen des Qi, die sich sowohl in der Natur wie im Körper finden, sind die Grundlage von Gesundheit und Wohlbefinden. Sie sind der wesentlichste Inhalt und das Um und Auf jedes ernsthaften Qigong-Übens.

In der Großen Abhandlung zum Buch der Wandlungen heißt es: 

Redet man von der Ferne, so kennt es keine Schranken. Redet man von der Nähe, so ist es still und recht. Redet man vom Raum zwischen Himmel und Erde, so umfaßt es alles.

Das Schöpferische ist im Ruhezustand eins und im Bewegungszustand geradeaus, darum erzeugt es das Große. Das Empfangende ist im Ruhezustand geschlossen und im Bewegungszustand sich öffnend, darum erzeugt es das Weite.

Durch seine Weite und Größe entspricht es Himmel und Erde. Durch seine Veränderungen und Zusammenhänge entspricht es den vier Jahreszeiten. Durch die Bedeutung des Lichten und Dunkeln entspricht es Sonne und Mond. Durch das Gute des Leichten und Einfachen entspricht es der höchsten Art...

Diese Passage, die sich in der Großen Abhandlung auf das Buch der Wandlungen bezieht, kann ebenso eine gültige Aussage zu den Bewegungen, Transformationen und Wirkungen des Qi gelesen werden. So auch die folgende:

Darum nannten die Heiligen und Weisen das Schließen der Pforten das Empfangende, und das Öffnen der Pforte nannten sie das Schöpferische. Den Wechsel zwischen Schließen und Öffnen nannten sie Veränderung. Das Hin- und Hergehen ohne Aufhören nannten sie das Durchdringen...

Richard Wilhelm kommentiert dies so: Hier sind die Verhältnisse des SINNS des Himmels und die Zustände der Menschen gezeigt, wie sie die Heiligen und Weisen erkannten. Das Schließen und Öffnen der Pforten ist der Wechsel von Ruhe und Bewegung. Es sind zugleich zwei Zustände der Yogapraxis, die persönlicher Übung allein zugänglich sind. 

Sonntag, 9. Januar 2022

Einmal Yin, einmal Yang ...

Ein Yin, ein Yang, das ist das Dao, so heißt es in den Angeknüpften Worten, einem der alten Kommentare zum Yijing, dem Buch der Wandlungen. Jede Einheit, jede Ganzheit, vom großen Ganzen des Universums bis zu den 10000 Wesen, von denen der Mensch eines ist, ist durch das Gegensatzpaar von Yin und Yang charakterisiert, sowohl zeitlich als Abfolge, als eine Zeit des Yin und eine des Yang, als auch räumlich, als eine Seite Yin und eine Seite Yang. Durch die Begriffe Yin und Yang wird die Ordnung von Universum, menschlicher Gemeinschaft und Einzelwesen erfasst, das sinnvolle Ganze, das den Teilen zugrunde liegt. 

Wie Marcel Granet in Das chinesische Denken schreibt: Der Gedanke des Paars wird nie von der Vorstellung einer Verbindung gelöst, und maßgebend bei der Regel der Zweiteiligkeit bleibt die Auffassung, dass beide Teile ein Ganzes darstellen. Der Gegensatz von Yin und Yang wird nicht (und wurde niemals) als grundsätzlicher und absoluter Gegensatz im Sinn von Sein und Nichtsein, Gut und Böse verstanden, sondern als ein relativer Gegensatz rhythmischer Art...

Eng verbunden mit den Begriffen Yin, Yang und Dao sind die Vorstellungen des rhythmischen Wandels (bian 變), der ungehinderten Durchdringung (tong 通) und der organischen Muster (li 理). Diese sind auch grundlegend für die Chinesische Medizin und generell für das chinesische Verständnis des menschlichen Lebens und seiner Prozesse. Und damit sind wir schon im Hier und Jetzt, auf dem Blog und beim heutigen Video. Diesmal nicht mit einer Qigongübung, sondern mit einfachen Bewegungen aus dem Taiji.

Yin und Yang (eine Zweiheit), und doch Dao (eine Einheit), im Taijisymbol ist dies jedem einsichtig. Für die Praktiken der Lebenspflege (yangsheng 養生) ist das Yin-Yang-Denken grundlegend, wichtig und notwendig. Dabei kommt es nicht darauf an, die komplexen Yin- Yang- und Qi-Muster der Chinesischen Medizin zu kennen, das ist nur für den Arzt wichtig, der zuerst diagnostisch die Abweichung von der natürlichen Ordnung feststellt und die Ordnung therapeutisch wieder herzustellen sucht, wobei die therapeutischen Mittel in erster Linie Kräutertherapie, Akupunktur und auch Ratschläge zur Lebensführung im Alltag sind. 

Wie in der Medizin geht es auch in der Praxis des Yangsheng um die Wiedergewinnung der natürlichen Ordnung. Der diagnostische Aspekt ist nicht so wichtig, da bei den diversen Methoden des Yangsheng (Qigong, Taiji, Meditation etc.) die Therapie nicht von außen kommt, sondern von innen. Praktiziert man z.B. Qigong, unterstützt man die Fähigkeit des Organismus, durch eigene Kraft, von innen, zurück zur natürlichen Ordnung zu finden. Dass dies möglich ist, zeigen die chinesischen Erfahrungen von über zweitausend Jahren.

Yin und Yang geben den Rhythmus des Tuns und der Vorgehensweise vor. Im letzten Video (und auch im heutigen) habe ich angesprochen, dass zwei Jahre Pandemie ihre Spuren hinterlassen haben. Länger dauernde Belastungen wirken sich auf die Balance von Yin und Yang aus, sie nagen quasi am Qi. Das Yin hat als erstes gelitten (mit resultierenden Problemen des Yang, das durch das Yin nicht mehr kontrolliert werden kann), doch dauert die Pandemie schon so lange, dass auch das Yang kollabiert und damit ein Zustand eingetreten ist, der viel ernster ist und dringend der Korrektur bedarf. Und ich meine da nicht nur den Einzelnen und seine körperliche und psychische Gesundheit, es betrifft auch die Gesellschaft als Ganzes. Wenn die Basis verlorengeht, entstehen Extreme aller Art, die sich in unter anderem in exzessivem oder auch aggressivem Verhalten äußern können, in unklarem und verwirrtem Denken, oder auch in Rückzug, Depression, Lethargie und Antriebslosigkeit. Und in vielem mehr, was man oft gar nicht so leicht als Problem oder als Ausdruck eines grundlegenden Problem zu identifizieren vermag. 

Mehr dazu ein anderes Mal. Die wechselseitige Abhängigkeit von Yin und Yang, die Qi-Muster, die sich gesetzmäßig einstellen, wenn ein Aspekt des Yin-Yang-Paars geschwächt ist, und wie man diesen (mit ihren resultierenden Problemen in Gesundheit und Wohlbefinden) entgegenwirkt, sind ein wichtiges Thema, auf das wir ein anderes Mal weiter eingehen werden. 

Um ein Disharmoniemuster zu regulieren, braucht es eine Strategie. Die versuchen wir mit den Übungen der derzeitigen Videos zu vermitteln. Wenn das Qi am Boden ist, kann man nicht einfach drauflosüben, das Qi ist erschöpft und jedes Üben (vor allem Qigong), fordert (und überfordert damit leicht) das Qi. Meditation ist bei einer solchen Disharmonie kontraindiziert, sie wäre zwar das Beste, um das Qi aufzubauen, doch braucht sie ein gewisses Fundament und eine Stabilität des Qi, um wirken zu können. Darum haben wir uns auf Übungen wie das Öffnen und Schließen, Heben und Senken verlegt, einfache Übungen, gekoppelt mit der Atmung, die nicht zu lange ausgeführt werden. Lieber kürzer üben, dafür aber ein paarmal am Tag. 

Und heute kommen auch noch einfache Taijibewegungen dazu. Qigong wirkt mehr von innen nach außen, Taiji hingegen wirkt von außen nach innen. Taiji ist in gewissem Sinne oberflächlicher, bewegt aber auch das Qi und es hat den großen Vorteil, dass seine Wirkung auf das Yin-Yang-Muster des Organismus ausbalanciert und ausgewogen ist. Ping bu ping xie 平補平瀉 nennt man das auf Chinesisch: ausgewogen aufbauen und reduzieren. Wenn die innere Unordnung groß ist, kann man nicht einfach aufbauen, sonst wird diese noch verstärkt, wenn das Qi geschwächt ist, kann man nicht einfach reduzieren, sonst wird es noch schwächer. Taiji wirkt gleichzeitig aufbauend und reduzierend, das Qi wird bewegt, aber bei moderatem Üben nicht überfordert, gleichzeitig wird das Qi harmonisiert, und im Zusammenspiel mit den einfachen Qigong-Übungen wird die Basis dafür gelegt, dass irgendwann auch aufbauende Übungen mit hinzugenommen werden können. 

Bewegen, Harmonisieren, Aufbauen, das ist die Strategie für die nächste Zeit.


Die Übungen zur Harmonisierung von Atem und Qi - Abschluss und die ganze Folge zum Mitüben

Dies ist nun das abschließende Video mit allen Übungen der Folge zur Harmonisierung von Atem und Qi. Zuerst gehe ich detaillierter auf den A...