Für den letzten Tag des Jahres des Büffels ist hier ein Video mit Übungen zur Bewegung des Qi in alle Richtungen: Hinauf und hinunter, hinaus und hinein, öffnen und schließen, ausdehnen und verdichten.
Es klingt sehr simpel und einfach, aber diese Grundbewegungen des Qi, die sich sowohl in der Natur wie im Körper finden, sind die Grundlage von Gesundheit und Wohlbefinden. Sie sind der wesentlichste Inhalt und das Um und Auf jedes ernsthaften Qigong-Übens.
In der Großen Abhandlung zum Buch der Wandlungen heißt es:
Redet man von der Ferne, so kennt es keine Schranken. Redet man von der Nähe, so ist es still und recht. Redet man vom Raum zwischen Himmel und Erde, so umfaßt es alles.
Das Schöpferische ist im Ruhezustand eins und im Bewegungszustand geradeaus, darum erzeugt es das Große. Das Empfangende ist im Ruhezustand geschlossen und im Bewegungszustand sich öffnend, darum erzeugt es das Weite.
Durch seine Weite und Größe entspricht es Himmel und Erde. Durch seine Veränderungen und Zusammenhänge entspricht es den vier Jahreszeiten. Durch die Bedeutung des Lichten und Dunkeln entspricht es Sonne und Mond. Durch das Gute des Leichten und Einfachen entspricht es der höchsten Art...
Diese Passage, die sich in der Großen Abhandlung auf das Buch der Wandlungen bezieht, kann ebenso eine gültige Aussage zu den Bewegungen, Transformationen und Wirkungen des Qi gelesen werden. So auch die folgende:
Darum nannten die Heiligen und Weisen das Schließen der Pforten das Empfangende, und das Öffnen der Pforte nannten sie das Schöpferische. Den Wechsel zwischen Schließen und Öffnen nannten sie Veränderung. Das Hin- und Hergehen ohne Aufhören nannten sie das Durchdringen...
Richard Wilhelm kommentiert dies so: Hier sind die Verhältnisse des SINNS des Himmels und die Zustände der Menschen gezeigt, wie sie die Heiligen und Weisen erkannten. Das Schließen und Öffnen der Pforten ist der Wechsel von Ruhe und Bewegung. Es sind zugleich zwei Zustände der Yogapraxis, die persönlicher Übung allein zugänglich sind.
Hier ist ein Ausschnitt aus einer Kunqu 崑曲- Oper, einer der ältesten erhaltenen Opernformen weltweit, entstanden im 13. Jahrhundert und Teil des UNESCO Immateriellen Kulturerbes der Menschheit.
Dieses Opernstück zeigt Yu Ji 虞姬 (Gemahlin Yu), die Frau des Heerführers Xiang Yu 項羽, wie sie einen Schwerttanz aufführt und anschließend Selbstmord begeht.
Dies ist ein sehr schönes und wunderbar verfilmtes Stück, das ich hier auch darum poste, weil Xiang Yu in einer unserer Qigongübungen vorkommt.
Er wird nämlich in der dritten der Fanhuangong-Übungen verkörpert. Der Name der Übung lautet bawang juding 霸王舉鼎 „Der Hegemon stemmt den Dreifuß aus Bronze“. Bawang ist die Abkürzung für Chu Bawang 楚霸王, das heißt übersetzt „Hegemon von Chu“, der Name, unter welchem Xiang Yu bis heute bekannt ist.
Hier ein wenig zum geschichtlichen Hintergrund, um das Video besser verstehen zu können.
Xiang Yu war ein mächtiger, gefürchteter Heerführer. Nach dem Untergang der Qin-Dynastie (der ersten chinesischen Dynastie, von deren Namen auch unser Wort „China“ für das Reich der Mitte stammt) kämpfte er gegen Liu Bang 劉邦, den nachmaligen Begründer der Han-Dynastie, um die Vorherrschaft im Reich.
Im Jahr 202 v.Chr., kam es an einem Ort namens Gaixia 垓下 zur entscheidenden Schlacht. Liu Bang hatte Xiang Yus Heer eingeschlossen und befahl seinen Truppen, Volkslieder aus der Region Chu zu singen, um den Eindruck zu erwecken, Xiang Yus Heimatland sei schon von den Truppen der Han erobert worden. Die Moral der Chu-Armee brach darauf ein, und viele Soldaten desertierten.
In aussichtsloser Lage betrank sich Xiang Yu und sang das Lied von Gaixia, um seiner Verzweiflung Ausdruck zu verleihen. Seine Gemahlin Yu führte einen Schwerttanz auf, erwiderte den Gesang und beging danach Selbstmord, um zu verhindern, dass Xiang Yu durch seine Liebe zu ihr abgelenkt würde. Xiang Yu tötete sich am nächsten Tag, als letzter Mann seines Heeres nach verlorener Schlacht.
Xiang Yus Lied von Gaixia und Gemahlin Yus Antwortgesang lauten folgendermaßen:
Xiang Yu:
力拔山兮氣蓋世
時不利兮騅不逝
騅不逝兮可奈何
不逝兮可奈何
虞兮虞兮奈若何
Mit meiner Kraft konnte ich Berge entwurzeln,
Ohnegleichen war meine Macht in der Welt.
Doch die Zeiten sind gegen mich, und mein Gescheckter* läuft nicht mehr.
Wenn mein Gescheckter nicht mehr läuft, was bleibt mir noch zu tun?
Ach, Yu, meine Yu, was wird dein Schicksal sein?
*der Gescheckte (zhui 騅) ist Xiang Yus Schlachtross
Gemahlin Yu entgegnet:
漢兵已略地
四面楚歌聲
大王義氣盡
賤妾何聊生
Die Armeen der Han haben unser Land erobert,
Wir sind umgeben von Gesängen aus Chu.
Meines Herrn aufrechte Kraft ist gebrochen,
Wofür soll ich dann noch leben?
Im Video lautet der Gesang von Gemahlin Yu so:
玉容未必倾城国
椒房宠爱君恩极
四处歌声骤起
楚军尽皆逃散
看汉兵将至
大势去矣
贱妾何聊生
Meine Schönheit lässt Städte und Reiche nicht mehr fallen,
Doch in den Palastgemächern hatte ich immer deine Liebe und Gunst.
Aus allen Richtungen ertönen die Lieder der Heimat,
Im Rahmen der Übungsstrategie der letzten Wochen gibt es heute wieder einmal eine Qigong-Übung für die Augen.
In der letzten Zeit bläst der Wind oft und oft auch ziemlich stark, und mit dem Klimawandel scheint es überhaupt häufiger und über längere Zeiträume starke Winde zu geben. Normalerweise verursacht Wind keine Probleme, doch in seinen Extremen (zu stark, zu häufig) versteht die Chinesische Medizin den Wind auch als potentiellen externen pathogenen Faktor, der zu Problemen mit den Augen führen (trockene Augen, Jucken, Rötungen, verschwommenes Sehen etc.) oder sich auch in einer Reihe anderer Symptome äußern kann, die man in unserem Denken nicht mit dem Wind in Zusammenhang bringt, wie Kopfschmerzen, Tinnitus, Schwindel, Schmerzen im unteren Rücken, Reizbarkeit usw.
Ist das eigene Qi reguliert, wird es durch den Wind sicher nicht leicht aus dem Gleichgewicht gebracht. Doch die Realität ist ja oft die, dass Qi eben nicht im Gleichgewicht ist. Z.B. können Leber- und Nieren-Yin-Mangel einen dem Wind gegenüber empfindlicher und verletzlicher machen, ebenso Stagnationen von Blut und Qi, oder auch eine Schwäche des Abwehr-Qi, die die äußeren Qi-Schichten des Organismus verletzlich macht. Je nach Art des Ungleichgewichts werden sich dann unterschiedliche Symptome einstellen.
Die Übungen der letzten Wochen waren ohnehin schon auf diese möglichen Schwachstellen abgestimmt, sie haben auf die Stärkung des Lungen- Qi (und des Wei-Qi) abgezielt, auf die Unterstützung des Yin und sie haben auch die generelle Bewegung von Qi und Blut gefördert, um Stagnationen entgegenzuwirken.
Die heutige Übung kann als Ergänzung dazu geübt werden, z.B. nach den einfachen Übungen zur Atemregulation oder auch nach den einfachen Taiji-Übungen, sie kann aber auch für sich allein praktiziert werden. Sie auszuführen braucht nur ein paar Minuten, wenn man draußen unterwegs war, und es war wieder einer dieser Tage, an denen es wild bläst, kann man durch diese Übung das Qi wieder gut harmonisieren und beruhigen.
Um den Blog etwas aufzulockern und da heute das Kleine Neujahrsfest ist, gibt es einen kurzen Ausflug in die chinesische Volkskultur.
Das kleine Neujahrsfest, das ca. eine Woche vor dem eigentlichen Neujahrsfest stattfindet, heißt auch das Fest des Herdgottes (zaoshen 竈神). Der Herdgott (oder Küchengott) ist die Gottheit, die jeden Haushalt beschützt und die guten und bösen Taten registriert, die während des Jahres begangen werden. Der Herdgott heißt auch König des Herdes (zaowang 竈王), Herr des Herdes (zaojun 竈君) oder Königlicher Herr des Herdes (zaowangye 竈王爺). Der Herdgott ist ein Mann, hat aber das Aussehen einer Frau. Bei Zhuangzi heißt es: „Beim Herd gibt es den Haarknoten“, wozu der daoistische Kommentator Cheng Xuanying bemerkt: „Der Herdgott hat das Aussehen einer schönen Frau. Er trägt scharlachfarbene Kleider, sein Name ist Haarknoten.“
Am kleinen Neujahrstag wird ein Papierbild des des Herdgottes verbrannt, um ihn in den Himmel zu schicken, wo er dem Jadekaiser (yuhuang dadi 玉皇大帝) über das Verhalten der Familie im vergangenen Jahr berichtet. Danach wird er wieder in der Familie willkommen geheißen, indem ein neues Papierbild von ihm neben den Herd geklebt wird, von welchem Aussichtspunkt aus er den Haushalt ein weiteres Jahr lang überwachen und beschützen wird.
Natürlich werden diese Feste in der heutigen Zeit nicht mehr so ernst genommen wie früher, aber sie sind bei weitem nicht verschwunden und werden fast überall noch gefeiert.
In Nordchina findet das Fest am dreiundzwanzigsten Tag des zwölften Mondmonats statt, im Süden Chinas am vierundzwanzigsten Tag. Der Zeitpunkt des Fests hängt traditionellerweise auch vom Beruf und den verschiedenen Gilden ab. Im alten China opferten die Beamten dem Herdgott am dreiundzwanzigsten Tag des letzten Mondmonats, das einfache Volk am vierundzwanzigsten, die Fischer am fünfundzwanzigsten.
Am Abend vor dem Kleinen Neujahrsfest wird das Bildnis des Herdgottes von seinem Platz neben dem Herd heruntergenommen, Opfergaben und spezielles Brennholz werden vorbereitet, Bündel aus Kiefern-, Zypressen-, Stechpalmen- oder Granatapfelbaumzweigen, ein neues Bildnis des Herdgottes wird erstanden, Pferde- und Hundefiguren werden geflochten, Essen, Räucherwerk und Gebete werden dargebracht. Traditionell gehörten zu den Opfergaben Schweinskopf, Fisch, süße Bohnenpaste, Melonen, Obst, gekochte Teigtaschen, Gerstenzucker und vor allem Bonbons.
Der Opferritus wird von Männern ausgeführt. Ein Sprichwort sagt: „Männer beten den Mond nicht an, Frauen opfern nicht dem Herdgott.“
Die meisten Opfergaben sind Süßigkeiten verschiedenster Art, um dem Herdgott für seinen Bericht im Himmel den Mund zu verkleben, damit er gar nichts oder nur Gutes über die Familie sagen kann. Für die Reise bekommt der Herdgott auch Gold- und Silberbarren aus Papier und eine Sänfte, die es zu der Zeit überall zu kaufen gibt. Oft werden auch Feuerwerkskörper gezündet, um seinen Weg in den Himmel zu beschleunigen.
Dem Herdgott wird geopfert, damit er im Himmel um Schutz für den Haushalt bittet. Ein altes Sprichwort besagt: "Im Himmel wird über gute Taten berichtet, auf der Erde wird für Sicherheit gesorgt". Das neue Bild des Herdgottes wird erst zum eigentlichen Neujahrstagaufgehängt, mit einem Ritual, das als "Begrüßung des Herdgottes" bekannt ist. In Südchina sagt man: "Am vierundzwanzigsten Tag steigt er in den Himmel auf, am Neujahrstag kehrt er auf die Erde zurück.
Zwischen dem Laba-Fest (labajie 臘八節) am 8. Tag des letzten Mondmonats und dem Kleinen Neujahr werden Wohnungen und Häuser gründlich gereinigt, damit die Geister und Gottheiten rechtzeitig abreisen und in den Himmel zurückkehren. Auch die alten Scherenschnitte werden abgenommen und neue aufgehängt. Darüber hinaus müssen alle Familienangelegenheiten in Ordnung gebracht werden, um einen guten Neuanfang im neuen Jahr zu gewährleisten.
Es gibt viele Geschichten darüber, wie der Herdgott zum Herdgott wurde. Die bekannteste stammt aus dem 2. Jh.v. Chr.Wie bei fast allen chinesischen Gottheiten, war auch der Herdgott ursprünglich ein Mensch, der frühzeitig ums Leben gekommen war. Er hieß Zhang Lang, war mit einer tugendhaften Frau verheiratet, verließ sie jedoch für eine jüngere Frau. Zur Strafe für den Ehebruch wurde er vom Himmel bestraft, er erblindete, seine junge Geliebte verließ ihn, und er endete als Bettler. Einmal, als er um Almosen bettelte, kam er zufällig am Haus seiner früheren Frau vorbei. Als Blinder erkannte er sie nicht, sie jedoch hatte Mitleid mit ihm, obwohl er sie so schäbig behandelt hatte, gab ihm zu essen und kümmerte sich um ihn. Er erzählte alles, was ihm widerfahren war und bereute unter Weinen. Da forderte ihn die Frau auf, die Augen zu öffnen, und mit einem Mal konnte er wieder sehen. Als Zhang nun seine ehemalige Frau erkannte, schämte er sich jedoch so sehr, dass er sich in den Küchenherd stürzt. Seine Frau versuchte noch, ihn zu retten, aber es blieb nur ein Bein von ihm. (Bis heute wird ein Schürhaken manchmal auch als "Zhang Langs Bein" bezeichnet.) Die Frau errichtete daraufhin für ihren ehemaligen Ehemanneinen Schrein über dem Kamin. Täglich brannten dort die Räucherstäbchen. Ihr duftender Rauch erreichte schließlich auch den Jadekaiser im Himmel, der Zhang Lang zum Herdgott machte, um über Gut und Böse auf der Erde zu wachen.
Der Kult um den Herdgott wird erstmals vor fast zweieinhalbtausend Jahren in den Gesprächen des Konfuzius erwähnt, im Klassiker der Riten Liji 禮記 wird er unter den Opferkulten angeführt. Der früheste überlieferte Text, der dem Herdgott gewidmet ist, ist die vermutlich aus der Song-Dynastie (960-1279) stammende Schrift zur Befriedung des Herdes (Anzaojing 安竈經 ). Diese Schrift listet Tabus auf, die in der Gegenwart des Herdes zu beachten sind, und enthält Anweisungen für die monatlich durchzuführenden Rituale.
Im Video heute geht es weiter mit den einfachen Taijiübungen.
Dass Qigong mit Taiji kombiniert wird, ist weit verbreitet und sehr sinnvoll. Taiji unterscheidet sich zwar in vielem von Qigong, auch was bestimmte Aspekte des yangsheng, der Lebenspflege angeht, doch macht gerade dies Taiji zu einer sinnvollen Ergänzung des Qigong.
Um nur ein paar Beispiele aus Kerrys und meinem „chinesischen" Umfeld zu geben.
Prof. Lin Zhongpeng vom Institut für Fortgeschrittene Qigong-Studien in Peking meinte, Qigong brauche die Ergänzung durch Taiji. Die tiefe Stille des Qigong, die die Selbstorganisationsprozessen des Körpers fördere, werde durch das mehr physische Taiji ideal ergänzt. Beiden Methoden geht es um das Qi und seine Regulierung, doch ist die Herangehensweise sehr verschieden. (Mehr dazu ein anderes Mal, das ist eine komplexere Diskussion.) Prof. Lin war es jedenfalls sehr wichtig, dafür zu sorgen, dass auch Taiji in das Curriculum der Qigong-Ausbildung aufgenommen wurde.
Als Prof. Lin Kerry und mich bei Shen Yuewu und seinem Sohn, den Stammhaltern der daoistischen Fanhuangong-Tradition, einführte und wir dann offiziell als Schüler angenommen wurden, gehörte ein spezielles „Taiji des alchemischen Weges" zu den ersten Übungen, die uns gezeigt wurden. Auch das von Wang Guoyi unterrichtete stark vereinfachte Taiji zur Rehabilitation von Lungenerkrankungen, das ich letztes Jahr auf den Blog gestellt habe, stammt aus dem Umfeld der Meister des Fanhuangong.
Bei der daoistischen Heilerin Jia Laoshi wurden wir über die Jahre nicht nur in Qigong, sondern auch in dem von ihr praktizierten Taiji unterrichtet, dem sogenannten „Taiji der Verdreckten" oder „Taiji der Nachlässigen", das als ursprünglichstes Taiji des Daoismus gilt.
Auch in der Pandemie wurde in China sowohl auf Taiji als auch auf Qigong zurückgegriffen. Qigong-Übungen wie die Acht-Brokat-Übungen, die Übungen der Heilenden Laute und andere wurden als Methoden sowohl der Vorbeugung als auch der Therapie und Rehabilitation propagiert, dasselbe gilt für Taiji. Gleich zu Beginn der Pandemie rief der Pulmonologe Zhong Nanshan, der oberste Berater der Regierung, die Bevölkerung dazu auf, zur Krankheitsvorbeugung Taiji zu praktizieren. Schon in den Jahren vor der Pandemie hatte er als Ergebnis von ihm durchgeführter Studien berichtet, dass Taiji eine geeignete Alternative zur traditionellen Lungenrehabilitation sei und möglicherweise sogar bessere Langzeiteffekte habe.
Komplexere Formen (wie z.B. das „Taiji der Verdreckten") kann ich über YouTube und Blog natürlich nicht vermitteln. Doch braucht es diese nicht, die positiven Wirkungen auf die Gesundheit entstehen auch bei regelmäßigem Üben einfachster Bewegungsabläufe. Solcherart zu üben ist, vor allem für Anfänger, sogar sinnvoller, das es gleich um den Gehalt (die Wirkung) und nicht nur um die Form geht. Die Gefahr beim Taiji-Üben besteht ja immer, dass man sich in äußeren Abläufen verliert und auf das Wesentliche, nämlich Gesundheit, innere Ausgeglichenheit und geistige Klarheit, vergisst.
Hier ist ein weiteres Qigong-Video. Ganz im Sinne der letzten habe es wieder sehr einfach gehalten, einfache Bewegungen in Verbindung mit dem Atem zuerst, gefolgt von der Yuanminggong-Übung.
Zu Beginn zitiere ich eine für's Qigongüben sehr wichtige und wesentliche Formel: xin ping qi he 心平氣和 „Ist das Herz friedlich, wird der Atem harmonisch." „Ein friedliches Herz führt zu harmonischem Qi."
Im Qigong, und noch mehr in der daoistischen Praxis, ist der Atem das Um und Auf (im Zusammenwirken mit dem Geist/der Aufmerksamkeit/der Konzentration). Eine solche Feinheit des Atems und der Aufmerksamkeit gilt es zu entwickeln, dass diese selbst dort einzudringen vermögen, „wo es keine Zwischenräume gibt". Das ist die hohe Kunst des Übens.
Darum ist es wichtig, den Atem nicht zu zwingen, ihn nicht absichtlich länger, tiefer, feiner zu machen. Ein friedliches Herz führt zu harmonischem Atem, das ist der Beginn des Übens. Natürlichkeit - Das-was-von-selbst-so-ist - charakterisiert das Üben. Wie ein Seidenfaden, wirkend ohne Mühe (Laozi 6), das ist die Wirkung des Übens.
Im heutigen Video versuche ich das zu thematisieren und zu vermitteln. Alle Heilwirkungen des Qigong basieren letzten Endes auf dem Zusammenspiel von shen 神 und qi 氣, Geist und Atem/Qi, auf Stille (靜 jing), Natürlichkeit (自然 ziran) und auf dem daoistischen Nicht-Tun (無為 wuwei).
In Kapitel 48 des Laozi heißt es:
Wer sich dem Lernen widmet, sucht von Tag zu Tag zu vermehren.
Wer sich dem Dao widmet, sucht von Tag zu Tag vermindern.
Er vermindert und vermindert, bis er beim Nicht-Tun anlangt.
Inhalt des heutigen Videos sind zuerst Übungen zur Regulation von Atem und Qi, danach geht es weiter mit den einfachen Taiji-Übungen.
Eine der ältesten Erwähnungen des Taiji stammt aus dem Yijing, dem Buch der Wandlungen, dort wird das Taiji als der Ursprung von Yin und Yang bezeichnet. Taiji ist die ursprüngliche Einheit, der Yin und Yang, die zwei Kräfte, die vier Jahreszeiten, die acht Trigramme und im weiteren das ganze lebendige Universum entspringen.
Ohne das Buch der Wandlungen bleiben die Geheimnisse des Taiji nicht zugänglich. Cheng Lingxi 程靈洗 aus dem 6. Jahrhundert meint hierzu: Ohne die ausschließliche Beschäftigung mit dem Yijing kann Taijiquan nicht begriffen werden. Man muss Tag und Nacht im innersten Herzen zu den Lehren des Yijing erwachen, diese mittels des Körpers verstehen und jenseits der Bilder gelangen, dann wird einem die Erkenntnis des Wunderbaren zuteil.
Einmal Yin, einmal Yang, dies ist das Dao. Das Dao meint hier den „Weg" sowohl als transzendenten Ursprung und immanentes Urprinzip der Welt, als auch als persönlichen „Weg", als Methode, in die Harmonie mit dem allgemeinen Wandel und schöpferischen Geschehen zu finden. Der Gesundheit nützt's, auch der guten Laune und dem Wohlbefinden...
Die chinesische Vision des Kosmos ist die eines organischen Ganzen, eines großen sinnvollen Zusammenhangs sich kontinuierlich entfaltender Kreativität. Philosophie, Ethik und Moral, Medizin, Politik und Kunst werden vor dem selben Hintergrund gedacht und verstanden, eben dem des Qi und dessen schöpferischer Entfaltung zu und in einem durch und durch lebendigen Universum. Das heißt natürlich, dass das Qi nicht nur durch Taiji, Qigong und Meditation wahrnehmbar und nicht nur durch Akupunktur, Massage und Kräuter beeinflussbar ist, auch im klaren Denken kommt es in seiner Schöpferkraft und Lebendigkeit im Ausdruck, in einem dem Mitmenschen zugewandten Handeln (Gutes Tun - ein Aspekt, der im Daoismus sehr stark betont wurde und wird), und auch in der Kunst, in Malerei, Musik, Tanz, Theater, Kalligraphie.
In diesem Zusammenhang möchte ich hier den Link zu einem wunderbaren Choralwerk auf den Blog stellen. Dabei handelt es sich um das Alte Buddhistische Gebet, komponiert von einem der Genies der Musikgeschichte, der mit nur 24 Jahren verstorbenen Lili Boulanger. Sie vollendete das Werk 1917 im Ersten Weltkrieg, ein Jahr vor ihrem Tod.
Das Gebet stammt aus dem Metta Sutta, dem Sutta der Güte (des Wohlwollens, der Freundlichkeit, des Mitgefühls), einem Lehrwerk aus dem Pali-Kanon des Buddhismus. Den Text des Sutta (in der Lili Boulanger zur Verfügung gestellten Übersetzung von Suzanne Karpelès) habe ich unter den YouTube-Link gestellt, so wie er gesungen wird in Französisch, und auch auf Deutsch und Englisch.
Dieses Gebet ist zeitlos und wird wohl zu aller Zeit gebraucht..
Vieille prière bouddhique
Que toute chose qui respire, sans ennemis, sans obstacles, surmontant la douleur et atteignant le bonheur, puisse se mouvoir librement, chacune dans la voie qui lui est destinée.
Que toutes les créatures et partout, tous les esprits et tous ceux qui sont nés, sans ennemis, sans obstacles, surmontant la douleur et atteignant le bonheur, puisse se mouvoir librement, chacun dans la voie qui lui est destinée.
Que toutes les femmes, que tous les hommes, les Aryens et les non Aryens, tous les dieux et tous les humains et ceux qui sont déchus, sans ennemis, sans obstacles, surmontant la douleur et atteignant le bonheur, puisse se mouvoir librement, chacun dans la voie qui lui est destinée.
En Orient et en Occident, au Nord et au Sud, que tous les êtres qui existent, sans ennemis, sans obstacles, surmontant la douleur et atteignant le bonheur, puisse se mouvoir librement, chacun dans la voie qui lui est destinée.
Altes Buddhistisches Gebet
Alles, was atmet, soll den Schmerz überwinden und Glückseligkeit erlangen, ohne Feinde, ohne jede Behinderung, und sich in Freiheit bewegen, ein jedes auf dem Weg, der ihm bestimmt.
Alle Geschöpfe von überall, alle Geister, und alle, die geboren wurden, sollen den Schmerz überwinden und Glückseligkeit erlangen, ohne Feinde, ohne jede Behinderung, und sich in Freiheit bewegen, ein jedes auf dem Weg, der ihm bestimmt.
Alle Frauen, alle Männer, alle Arier und Nicht-Arier, alle Götter und Menschen, und alle, die gefallen sind, sollen den Schmerz überwinden und Glückseligkeit erlangen, ohne Feinde, ohne jede Behinderung, und sich in Freiheit bewegen, ein jeder auf dem Weg, der ihm bestimmt.
In Orient und Okzident, im Norden und Süden sollen alle Wesen, die existieren, den Schmerz überwinden und Glückseligkeit erlangen, ohne Feinde, ohne jede Behinderung, und sich in Freiheit bewegen, ein jedes auf dem Weg, der ihm bestimmt.
Ancient Buddhist Prayer
All that breathes shall overcome pain without enemies, without obstacles, and attain happiness and move in freedom, each on the path for which it is destined.
All creatures from everywhere, all spirits and all those who have been born, shall overcome pain without enemies, without obstacles, and attain happiness and move in freedom, each on the path for which it is destined.
All women, all men, Aryans and non-Aryans alike, all gods and all humans, and all who are fallen shall overcome pain without enemies, without obstacles, and attain happiness and move in freedom, each on the path for which it is destined.
In Orient and the Occident, North and South, all beings who exist shall overcome pain without enemies, without obstacles, and attain happiness and move in freedom, each on the path for which it is destined.
Ein Video für das Wochenende. Ruhige Übungen zur Unterstützung vor allem des Yin-Aspekts des Qi und generell zur Bewegung des Qi. Mit ein paar abschließenden philosophischen Ezzes, die ich ein andermal hier auf dem Blog auch schriftlich ausführen werde. Ich verspreche mich ganz am Ende des Videos: res extensa wollte ich natürlich sagen, einer der beiden Begriffe der cartesischen Ontologie, der für die (ausgebreitete) materielle Welt steht, die mit Seele, Bewusstssein und Innenleben des Menschen nichts zu tun hat.
Asian Medicine ist eine multidisziplinäre Zeitschrift,gerichtet an Forscher und Praktiker der asiatischen Medizin, in der wissenschaftliche Artikel zu historischen, anthropologischen, soziologischen und philologischen Aspekten der Asiatischen Medizin sowie Praxisberichte von Klinikern in und außerhalb Asiens publiziert werden.
Herausgegeben von Michael Stanley-Baker, Ronit Yoeli-Tlalim and Dolly Yang, wurde letztes Jahr eine Spezialausgabe des Journals zum Thema der Covid-Pandemie publiziert. Diese Spezialausgabe "Asian Medicine and COVID-19" ist auf der Webseite des Brill-Verlags öffentlich zugänglich, die einzelnen Artikel können direkt im Netz gelesen oder als PDF heruntergeladen werden.
Vielleicht ist ja dieses Journal für manche von uns interessant (ganz unten im Text ist der Link). Ich übersetze hier den ersten Teil des einleitenden Artikels, verfasst von Michael Stanley-Baker und Ronit Yoeli-Tlalim. Ich finde das Gesagte äußerst wichtig, es formuliert sehr gut und kurz das Problem, das wir mit Traditionen wie der Asiatischen Medizin (im Falle von Covid vor allem der Chinesischen Medizin) haben.
In wenigen Absätzen wird klar angesprochen, dass es in erster Linie um ein erkenntnistheoretisches Problem geht. Das mechanisch-materialistische wissenschaftliche Weltbild mit seinem (unwissenschaftlichen) Alleinerklärungsanspruch verhindert andere, sinnvolle, effektive Möglichkeiten der Covid-Beämpfung, diese werden nicht nur nicht wahr- und ernstgenommen geschweige denn verstanden, sondern auch attackiert und lächerlich gemacht. Zu unser aller Verlust. In einigen Beiträgen auf dem alten Blog habe ich dies ja schon des öfteren thematisiert.
Dass die Chinesische Medizin oder auch Qigong sinn- und wirkungsvoll in der Pandemie zum Einsatz kommen könnten, ist bei uns einfach nicht vorstellbar, selbst für viele derjenigen nicht, die selbst therapeutische Erfahrungen mit der Chinesischen Medizin gemacht haben oder Qigong praktizieren. Dies weist in erster Linie auf ein Verständnisproblem hin, auf ein mangelndes Verständnis, dessen, was Wissenschaft ist bzw. sein könnte. Eine organische Wissenschaft vor dem Hintergrund einer organischen Philosophie und einer organischen Kosmogonie, wie sie in der chinesischen Philosophie und Medizin zum Ausdruck kommen, ist zwar mit dem mechanisch-materialistischen Denken nicht vereinbar, ist sie deshalb aber grundsätzlich falsch? Diskussionen, wie das wissenschaftliche Weltbild zu erweitern bzw. verändern wäre (wodurch auch Wissenstraditionen wie die asiatische Medizin sinnvoll integrierbar wären), gibt es in der Wissenschaft schon seit langem. Doch der öffentliche Diskurs, in der Pandemie unangenehm szientistisch ideologisiert, operiert fast ausschließlich mit dummen Vorurteilen, was leider zu einer Situation geführt hat, die in Bezug auf Covid einen differenzierten Dialog fast unmöglich macht. Umso wichtiger sind solche Initiativen, wie die der Herausgeber von Asian Medicine.
Hier nun meine Teilübersetzung des einleitenden Artikels. Der Artikel gibt dann auch eine Synopsis der verschiedenen Journalbeiträge, doch dies ist schon spezieller, darum habe ich auf eine Übersetzung verzichtet.
„Als wir vor etwa einem Jahr (d.h. 2020) die Herausgabe dieser Sonderausgabe in Angriff nahmen, sah bezüglich COVID-19 praktisch alles anders aus als heute. Die asiatischen Länder hatten es geschafft, die Pandemie in Schach zu halten, während Europa und die USA die schlimmste medizinische Katastrophe seit Menschengedenken erlebten. In dem Krankenhaus, in dessen Nähe eine von uns in London wohnt, starben Hunderte von Menschen. Jeder ihrer Bekannten hatte Freunde oder Verwandte, die entweder sehr ernst erkrankt oder gestorben waren.
Gleichzeitig begann sich in Singapur das Leben, abgesehen von einem gewaltigen Ausbruch in den Quartieren für Wanderarbeiter, schon wieder zu normalisieren, als die Stadt eine frühzeitig verhängte sogenannte „Sicherungs"-Lockdownperiode vergleichsweise unbeschadet überstanden hatte. Freunde und Kollegen in London fanden diese Kluft verblüffend. Sie fragten sich: Wie machen die das bloß? Während einige der Gründe für die Erfolge im Kampf gegen COVID-19 in Ostasien in den biomedizinischen Institutionen, Kenntnissen und Praktiken liegen, die als Reaktion auf frühere SARS-Ausbrüche entstanden sind, gibt es andere Aspekte der Geschichte, die noch erzählt werden müssen.
Ein Teil der Geschichte besteht darin, dass Narrative über ältere regionale medizinische Traditionen in den englischsprachigen Medien nicht willkommen waren oder, schlimmer noch, aktiv unterdrückt wurden. Die asiatische Medizin wurde in hochrangigen Publikationen wie Foreign Policy und Nature bewusst falsch dargestellt, wobei Tropen des neunzehnten Jahrhunderts wie Quacksalberei, Täuschung und Betrug verwendet wurden. Gleichzeitig haben Verschwörungstheorien und die Verbreitung von Fehlinformationen im Internet alternative, ganzheitliche Neigungen zur asiatischen Medizin in eine antiwissenschaftliche Haltung verwandelt, die sich mit der Gegnerschaft zu Impfstoffen und Wissenschaftsfeindlichkeit verbündet.
Beide Positionen, weit verbreitet in den englischsprachigen und europäischen Medien, stellen die asiatische Medizin falsch dar und beeinträchtigen aktiv unsere Fähigkeit, als globale Gemeinschaft von den Strategien, die sie zu bieten hat, zu lernen, sie anzuwenden und zu integrieren. Sie leiden daran, dass sie die asiatische Medizin auf verflachte Weise und auf simplem, verdummtem Niveau schildern, mit einer erkenntnistheoretischen Taubheit, die versäumt anzuerkennen, dass diese Länder über solide, seit langem bestehende Traditionen von Praxis, Experiment und Verifikation, institutioneller Autorität und der Feststellung von Wirksamkeit verfügen, in deren Rahmen sie Antworten auf Epidemien entwickelt haben. Diese werden nicht willkürlich festgelegt, weder aus der Laune eines Staatsoberhaupts heraus, um wirtschaftlichen oder politischen Gewinn zu erzielen, noch durch fantastische Vorstellungen unsichtbarer Manipulatoren der Wahrheit. Sie sind das Ergebnis einer langen Geschichte von Epidemien, Medizin und Traditionen von Behandlung und Pflege, und diese Prinzipien und Herangehensweisen müssen in ihrer jeweiligen Bedeutung sorgfältig verstanden werden, um sicher, verlässlich und produktiv umgesetzt und integriert werden zu können.
Es war diese Krise der Repräsentation inmitten der globalen Gesundheitskrise, die uns dazu veranlasste, unsere Kräfte zu bündeln und Experten für asiatische medizinische Traditionen einzuladen, um unser Verständnis dieser Traditionen aufzufrischen und zu vertiefen. Letztes Jahr haben wir eine Reihe von Webinaren veranstaltet, um das Gespräch in Gang zu bringen, einige Redner kommen auch in dieser Ausgabe zu Wort. Die Webinare können online auf der IASTAM-Website angesehen und für den Unterricht genutzt werden, vielleicht in Kombination mit den Artikeln hier. Unterdessen waren die Autoren damit beschäftigt, ihre Artikel in schnellem Tempo zu verfassen, und die Zeitschrift unterstützte uns freundlicherweise dabei, die Ausgabe im Schnellverfahren zu veröffentlichen, damit sie für den Unterricht und als zeitgemäßer Kommentar zur Pandemie zur Verfügung stehen kann.
Unser Ziel ist es nicht, für bestimmte therapeutische Maßnahmen zu plädieren. Die Entscheidung darüber wird durch klinische Studien getroffen und obliegt medizinischen Einrichtungen, staatlichen Institutionen und den einzelnen Ärzten. Unser Ziel ist es vielmehr, für ein tiefergehendes Zuhören einzutreten - und vor allem beizutragen, ein Bewusstsein für die kulturellen, erkenntnistheoretischen und institutionellen Barrieren in der heutigen Gesundheitsversorgung zu schaffen: die falsche Gleichsetzung von erkenntnistheoretischen Unterschieden mit Unprofessionalität und die Hybris, zu glauben, dass das Vermögen der wissenschaftlichen Methode, gute Antworten zu finden, bedeutet, dass sie die einzigen Antworten liefert. Wir gehen davon aus, dass die Diskussion über COVID-19 ein langer Prozess sein und sich nicht nur auf den aktuellen Ausbruch beschränken, sondern auch auf künftige globale Ausbrüche und neue Gesundheitskrisen erstrecken wird. Wir wollen intellektuelle Flexibilität, Nuancierung und einen Ton des Dialogs unterstützen, die es den Angehörigen der Gesundheitsberufe aus unterschiedlichen Paradigmen ermöglichen, zusammenzuarbeiten, voneinander zu lernen und sich gegenseitig im gemeinsamen Bestreben zu unterstützen, unsere Mitmenschen vor Schaden und Krankheiten zu schützen. Ein solcher Dialog erfordert kritische Werkzeuge, und wir glauben, dass diese Werkzeuge in dieser Ausgabe in ausreichendem Maße vorhanden sind.
Wir können viel lernen, wenn wir die Perspektive bezüglich COVID-19 erweitern: zeitlich, geografisch und kulturell. Es geht nicht um oberflächliche Vergleiche, sondern vielmehr um Wege des Forschens und des Dialogs: Welche Fragen müssen wir uns als Weltbürger des einundzwanzigsten Jahrhunderts angesichts dieser welterschütternden Erfahrung stellen? Welche Lehren können wir daraus ziehen? Welches Vokabular und welche Stile des vergleichenden Diskurses sind destruktiv und schädlich für weiteres Lernen und gegenseitige Unterstützung? Welche wertvollen Lehren laufen Gefahr, ignoriert zu werden? Welche geschichtlichen Aspekte sind für Historiker, Anthropologen und Praktiker der asiatischen Medizin klarer? Können uns diese Blickwinkel helfen, die verschiedenen, oft konkurrierenden Arten und Weisen des Verständnisses von Pandemien zu verstehen? Verändert ein vergleichsweise hohes Niveau historischen Bewusstseins bezüglich Pandemien bei Politikern und Gesundheitsexperten deren Reaktionsfähigkeit? Wie können Pandemien ein erneuertes und revidiertes Denken bezüglich sozialer Gerechtigkeit anregen? ..."
Soweit meine Übersetzung. Vielleicht übersetze ich auch noch den zweiten Teil des Artikels, aber eben nur vielleicht. Das im ersten Teil Gesagte ist das Wichtigste, was kommt ist dann spezieller und detaillierter, ich vermute, das interessiert nicht jeden.
„Alles Qi gehört zur Lunge", heißt es im Huangdi Neijing 皇帝内經, dem Klassiker des Gelben Kaisers, wobei mit Qi sowohl die Atmung als auch der Qi-Fluss im ganzen Körper gemeint sind. Und: "Wird die Lunge verletzt, heben alle Krankheiten an."
Darum ist es so wichtig, das Qi der Lungen zu regulieren und zu unterstützen. Egal, ob es um die Pflege des Lebens (yangsheng 養生) oder um eine Therapie mittels Chinesischer Medizin geht, man muss immer auch die Lunge regulieren bzw. die Lunge behandeln. Man kümmert sich sozusagen um die Wurzel des eigenen Lebens.
Laozi drückt es so aus: 深根固柢長生久視之道 shen gen gu di, changsheng jiushi zhi dao. "Tiefe Wurzel und fester Grund, dies ist der Weg des langen Lebens und der dauernden Schau."
Ein Yin, ein Yang, das ist das Dao, so heißt es in den Angeknüpften Worten, einem der alten Kommentare zum Yijing, dem Buch der Wandlungen. Jede Einheit, jede Ganzheit, vom großen Ganzen des Universums bis zu den 10000 Wesen, von denen der Mensch eines ist, ist durch das Gegensatzpaar von Yin und Yang charakterisiert, sowohl zeitlich als Abfolge, als eine Zeit des Yin und eine des Yang, als auch räumlich, als eine Seite Yin und eine Seite Yang. Durch die Begriffe Yin und Yang wird die Ordnung von Universum, menschlicher Gemeinschaft und Einzelwesen erfasst, das sinnvolle Ganze, das den Teilen zugrunde liegt.
Wie Marcel Granet in Das chinesische Denken schreibt: Der Gedanke des Paars wird nie von der Vorstellung einer Verbindung gelöst, und maßgebend bei der Regel der Zweiteiligkeit bleibt die Auffassung, dass beide Teile ein Ganzes darstellen. Der Gegensatz von Yin und Yang wird nicht (und wurde niemals) als grundsätzlicher und absoluter Gegensatz im Sinn von Sein und Nichtsein, Gut und Böse verstanden, sondern als ein relativer Gegensatz rhythmischer Art...
Eng verbunden mit den Begriffen Yin, Yang und Dao sind die Vorstellungen des rhythmischen Wandels (bian 變), der ungehinderten Durchdringung (tong 通) und der organischen Muster (li 理). Diese sind auch grundlegend für die Chinesische Medizin und generell für das chinesische Verständnis des menschlichen Lebens und seiner Prozesse. Und damit sind wir schon im Hier und Jetzt, auf dem Blog und beim heutigen Video. Diesmal nicht mit einer Qigongübung, sondern mit einfachen Bewegungen aus dem Taiji.
Yin und Yang (eine Zweiheit), und doch Dao (eine Einheit), im Taijisymbol ist dies jedem einsichtig. Für die Praktiken der Lebenspflege (yangsheng 養生) ist das Yin-Yang-Denken grundlegend, wichtig und notwendig. Dabei kommt es nicht darauf an, die komplexen Yin- Yang- und Qi-Muster der Chinesischen Medizin zu kennen, das ist nur für den Arzt wichtig, der zuerst diagnostisch die Abweichung von der natürlichen Ordnung feststellt und die Ordnung therapeutisch wieder herzustellen sucht, wobei die therapeutischen Mittel in erster Linie Kräutertherapie, Akupunktur und auch Ratschläge zur Lebensführung im Alltag sind.
Wie in der Medizin geht es auch in der Praxis des Yangsheng um die Wiedergewinnung der natürlichen Ordnung. Der diagnostische Aspekt ist nicht so wichtig, da bei den diversen Methoden des Yangsheng (Qigong, Taiji, Meditation etc.) die Therapie nicht von außen kommt, sondern von innen. Praktiziert man z.B. Qigong, unterstützt man die Fähigkeit des Organismus, durch eigene Kraft, von innen, zurück zur natürlichen Ordnung zu finden. Dass dies möglich ist, zeigen die chinesischen Erfahrungen von über zweitausend Jahren.
Yin und Yang geben den Rhythmus des Tuns und der Vorgehensweise vor. Im letzten Video (und auch im heutigen) habe ich angesprochen, dass zwei Jahre Pandemie ihre Spuren hinterlassen haben. Länger dauernde Belastungen wirken sich auf die Balance von Yin und Yang aus, sie nagen quasi am Qi. Das Yin hat als erstes gelitten (mit resultierenden Problemen des Yang, das durch das Yin nicht mehr kontrolliert werden kann), doch dauert die Pandemie schon so lange, dass auch das Yang kollabiert und damit ein Zustand eingetreten ist, der viel ernster ist und dringend der Korrektur bedarf. Und ich meine da nicht nur den Einzelnen und seine körperliche und psychische Gesundheit, es betrifft auch die Gesellschaft als Ganzes. Wenn die Basis verlorengeht, entstehen Extreme aller Art, die sich in unter anderem in exzessivem oder auch aggressivem Verhalten äußern können, in unklarem und verwirrtem Denken, oder auch in Rückzug, Depression, Lethargie und Antriebslosigkeit. Und in vielem mehr, was man oft gar nicht so leicht als Problem oder als Ausdruck eines grundlegenden Problem zu identifizieren vermag.
Mehr dazu ein anderes Mal. Die wechselseitige Abhängigkeit von Yin und Yang, die Qi-Muster, die sich gesetzmäßig einstellen, wenn ein Aspekt des Yin-Yang-Paars geschwächt ist, und wie man diesen (mit ihren resultierenden Problemen in Gesundheit und Wohlbefinden) entgegenwirkt, sind ein wichtiges Thema, auf das wir ein anderes Mal weiter eingehen werden.
Um ein Disharmoniemuster zu regulieren, braucht es eine Strategie. Die versuchen wir mit den Übungen der derzeitigen Videos zu vermitteln. Wenn das Qi am Boden ist, kann man nicht einfach drauflosüben, das Qi ist erschöpft und jedes Üben (vor allem Qigong), fordert (und überfordert damit leicht) das Qi. Meditation ist bei einer solchen Disharmonie kontraindiziert, sie wäre zwar das Beste, um das Qi aufzubauen, doch braucht sie ein gewisses Fundament und eine Stabilität des Qi, um wirken zu können. Darum haben wir uns auf Übungen wie das Öffnen und Schließen, Heben und Senken verlegt, einfache Übungen, gekoppelt mit der Atmung, die nicht zu lange ausgeführt werden. Lieber kürzer üben, dafür aber ein paarmal am Tag.
Und heute kommen auch noch einfache Taijibewegungen dazu. Qigong wirkt mehr von innen nach außen, Taiji hingegen wirkt von außen nach innen. Taiji ist in gewissem Sinne oberflächlicher, bewegt aber auch das Qi und es hat den großen Vorteil, dass seine Wirkung auf das Yin-Yang-Muster des Organismus ausbalanciert und ausgewogen ist. Ping bu ping xie 平補平瀉 nennt man das auf Chinesisch: ausgewogen aufbauen und reduzieren. Wenn die innere Unordnung groß ist, kann man nicht einfach aufbauen, sonst wird diese noch verstärkt, wenn das Qi geschwächt ist, kann man nicht einfach reduzieren, sonst wird es noch schwächer. Taiji wirkt gleichzeitig aufbauend und reduzierend, das Qi wird bewegt, aber bei moderatem Üben nicht überfordert, gleichzeitig wird das Qi harmonisiert, und im Zusammenspiel mit den einfachen Qigong-Übungen wird die Basis dafür gelegt, dass irgendwann auch aufbauende Übungen mit hinzugenommen werden können.
Bewegen, Harmonisieren, Aufbauen, das ist die Strategie für die nächste Zeit.
Das heutige Video ist ähnlich einfach gehalten wie das vom Anfang der Woche. Es gibt zuerst einen kurzen gesprochenen Teil mit Erklärungen und dann einfache Übungen zur Atemregulation und zur Unterstützung vor allem des Yin-Aspekts des Qi.
Ich spreche im Video eigentlich viele verschiedene und doch zusammenhängende (wichtige und relevante) Themen an. Zum besseren Verständnis wollte ich das auch noch schriftlich ergänzen, aber ich wurde gerade unterbrochen und werde heute nicht mehr dazukommen.
Doch da dies ohnehin sehr weit gefasste Themen sind, die von der Gesundheit bis zur Philosophie und letztlich Kosmologie - quasi von der Erde bis zum Himmel - reichen, macht das weiter nichts, mit einem kurzen Text wäre es ohnehin nicht getan. Das kommt später.
Hier ist das erste Video des neuen Jahres, mit einer Übungsfolge zur Regulierung (tiao 調) des Atems (qi 氣).
Wenn im Qigong vom Atem (qi 氣) die Rede ist, bezieht man sich einerseits auf die "äußere" Atmung über die Lungen, also auf das Luftholen, das Ein- und Ausströmen des Atems, und andererseits ist die "innere" Atmung gemeint als harmonisch geordnete Bewegung des Qi im Körper.
Diese beiden Aspekte der Atmung sind eng miteinander verbunden. Es ist die äußere (Lungen-) Atmung, die das innere Qi antreibt und bewegt, gehört doch die Bewegung des Qi durch den Körper zu den Qi-Funktionen der Lunge. Das heißt aber nicht, dass man versuchen soll, durch kraftvolles oder bemühtes Atmen dem Qi einen starken Impuls zu versetzen, ganz im Gegenteil, im Qigong wird die Betonung auf Ruhe, Langsamkeit und Feinheit des Atems gelegt. Bleibt man beim Qigong-Üben ruhig und entspannt, dann wird sich natürlicherweise auch die Atmung verändern, sie wird ruhig werden, langsam und fein, und dann wird sich auch das Qi stark, kraftvoll und geordnet zu bewegen beginnen.
Im 6. Kapitel des Laozi findet sich die klassische Passage zum Atem:綿綿若存用之不勤 mian mian ruo cun, yong zhi bu qin - Endlosem Faden gleich, wie anwesend, wirkend ohne Mühe, heißt es dort.Wie im alten Kommentar des Heshanggong 河上公, des Alten vom Fluss, ausgeführt wird, sinddamit ruhige, fadenfeine Atemzüge gemeint, so fein, wie anwesend, dass der Atem fast unmerklich wird. Und doch, gerade wegen der Abwesenheit aller Anstrengung und Mühe, entsteht Wirkung, harmonische Wirkung, die alle Aspekte des Körpers erfasst.
Qigong wurde in den 1980er-Jahren erstmals zu einer Massenbewegung, als die Menschen realisierten, dass sie durch Qigong Raum zum Atem bekamen, allen bedrückenden Erfahrungen des Alltags zum Trotz. Und ich hoffe, dass auch wir in dieser endlos scheinenden Pandemie etwas von diesem Raum zum Atmen entdecken können.