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Freitag, 8. April 2022

Die Massage von zanzhu 攢竹

Hier ist, ergänzend zum Punkt yanglao 養老, eine weitere hervorragende, sehr zu empfehlende und einfache Massage, die den Augen guttut: die Massage des Punktes zanzhu 攢竹.

Zanzhu ist der zweite Akupunkturpunkt auf dem Blasenmeridian (pangguangjing 膀胱經). Er befindet sich in einer kleinen Vertiefung am inneren Ende der Augenbraue, direkt über dem inneren Augenwinkel (oberhalb des medialen canthus nasalis), und oberhalb von jingming 睛明, dem ersten Punkt des Blasenmeridians. Der Punkt kann ertastet werden, indem man (wie ich im Video zeige) mit dem Zeigefinger vom Punkt zwischen den Augenbrauen zum inneren Ende der Augenbrauen hin streicht. Dort findet man einen etwas vertieften Punkt, der sich bei Druck oft ein wenig empfindlich anfühlt.

Zanzhu ist ein wichtiger Punkt für die Behandlung jeglicher Art von Augenproblemen, und wenn er massiert wird, verbindet er sich mit dem unmittelbar darunter liegenden Punkt, jingming, und aktiviert ihn. Das Verbinden zweier Punkte ist eine gängige Technik in der Akupunktur, die als "Durchnadelung" bezeichnet wird. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Nadel durch beide Punkte gestochen wird, sondern vielmehr, dass das Qi der beiden Punkte verbunden wird. Die Massage hat ebenfalls diese Wirkung der Verbindung des Qi der beiden Punkte.

Wenn man mit dem eigenen Finger den Punkt zanzhu massiert, wird also das Qi in diesem Punkt stimuliert und kommuniziert mit dem Qi von jingming, wodurch die therapeutische Wirkung nicht nur des einen Punktes, sondern beider Punkte zusammen aktiviert wird. Es ist wie beim Zusammenstellen eines Rezeptes für Kräutermedizin - man verwendet eine Hauptdroge, die "Herrscher" genannt wird, weil sie die Qi-Wirkung des gesamten Rezepts bestimmt, und fügt eine zweite Droge hinzu, die "Minister" genannt wird, weil sie diese eine Wirkung verstärkt und potenziert. Wenn man zanzhu massiert, wird also die Qi-Wirkung dieses Punktes durch die gleichzeitige Stimulation des Punktes jingming verstärkt, was wiederum die Gesamtwirkung der Massage potenziert.

Jingming ist ein sehr besonderer Punkt, Treffpunkt fast aller Yang-Meridiane des Körpers. In den klassischen Texten der Chinesischen Medizin heißt es, dass das "Yang das Äußere regiert". Dass die Yang-Meridiane an diesem Punkt zusammentreffen, bedeutet also, dass seine Stimulation therapeutisch als auch schützend wirkt in Bezug auf alles, was von außen auf die Augen trifft wie Wind, Hitze, Kälte, Trockenheit, Pollen oder sogar Viren.

Darüberhinaus treffen sich in diesem Punkt auch drei der inneren "Acht außergewöhnlichen Kanäle" (qijing bamai 奇經八脈).

Diese sind:

Der dumai 督脈 (Kanal der Steuerung), der am Steißbein beginnend über Wirbelsäule, Nacken und Schädel bis zur Falte zwischen Oberlippe und Kiefer verläuft. Er reguliert das Qi aller Yang-Kanäle;

der yangqiaomai 陽蹺脈, der vom Außenknöchel die Seite des Körpers aufwärts und über die Schulter zum inneren Augenwinkel verläuft, von dort weiter über den Kopf, bis er am Hinterkopf in das Gehirn eintritt. Von ihm gesagt wird, dass er "die Aktivität beherrscht";

und der yinqiaomai 陰蹺脈, der vom Innenknöchel die Innenseite des Beins aufwärts und weiter den Rumpf hinauf verläuft, bis zum den inneren Augenwinkel. Von ihm wird gesagt, dass er "die Ruhe beherrscht".

Der Punkt zanzhu hat drei spezifische Wirkungen:

Er beseitigt Wind (schützt also vor allem, was das Auge von außen angreift oder in es eindringt), klärt durch innere oder äußere Faktoren verursachte Hitze, klärt den Kopf und nützt den Augen, d.h. er hilft dem klaren Yang, zu Augen und Gehirn aufzusteigen, und harmonisiert Qi und Blut, um die Augen zu nähren.

In der Praxis bedeutet all dies, dass die Massage des Punktes zanzhu bei allem helfen kann, was das gesunde Funktionieren des Qi der Augen stört, sei es durch äußere Klimafaktoren wie Wind, Hitze, Viren, Allergien usw. bedingt oder durch innere Faktoren wie Erschöpfung, Überbeanspruchung der Augen, Stress, Alter usw. verursacht. Die potenzielle Wirksamkeit der Massage wird durch die besondere Qi-Verbindung zwischen den Punkten zanzhu und jingming erheblich gesteigert.

Die Massage ist sehr einfach: wie im Video gezeigt, mit den Zeigefingern mit leichtem Druck kreisend massieren, ein paar Minuten lang.



Donnerstag, 10. Februar 2022

Im Frühling sorgt man für die Leber.

Das Wetter war heute frühlingshaft warm, das schlägt sich auch in der Thematik hier auf dem Blog nieder. „Im Frühling sorgt man für die Leber", heißt es in der Chinesischen Medizin und auch im Qigong. Die Übungen des heutigen Videos machen genau dies, sie sorgen für die Leber, indem sie das Qi der Leber nähren und unterstützen.  

Zur Leber und ihren Qi-Funktionen hat Kerry vorletztes Jahr schon einen Beitrag geschrieben. Hier ist der Link für diejenigen, die den Beitrag nachlesen wollen: Zur Methode der Heilenden Laute für das Leber-Qi. Doch gibt es zur Leber noch viel mehr zu sagen. 

Heute möchte ich auf eine grundlegende Funktion der Leber eingehen. Die Leber ist verantwortlich für den freien Fluss und die ungehinderte Ausbreitung des Qi. Shuxie 疏泄 lautet der chinesische Begriff, der das Beseitigen von Hindernissen bedeutet, um einen freien, glatten, ungehinderten Fluss von Qi und Blut im ganzen Körper zu ermöglichen.

Diese Funktion der Leber steht im Zusammenhang mit der Regulierung der Qi-Bewegung im gesamten Körper. Qi-Bewegung ist ein Begriff der Chinesischen Medizin, der den Fluss des Qi in vier kardinalen Richtungen bedeutet (qiji 氣機 auf Chinesisch, sehr oft findet man den Begriff auch als Qi-Mechanismus übersetzt). Regulierung der Qi-Bewegung bedeutet konkret die Regulierung der natürlichen Bewegungen des Qi nach oben, nach unten, nach außen und nach innen. 

Diese vier Bewegungsrichtungen stellen die Grundformen der Qi-Transformation dar (qihua 氣化, ein anderer Grundbegriff der Chinesischen Medizin). Die Qi-Transformation ist ein im Körper des Menschen unablässig stattfindender Prozess, der durch die Aktivität der inneren Organe vor sich geht. Die inneren Organe (auch die Meridiane, Qi, Blut, Körperflüssigkeiten, Nahrungs-Qi, Abwehr-Qi, Yin und Yang) sind alle durch den Qi-Mechanismus (die Bewegungen aufwärts, abwärts, nach außen und innen) miteinander verbunden, wodurch die Funktionen des Lebens und damit die Gesundheit aufrechterhalten werden. 

In dieser Beschreibung, simpel und allgemein wie sie ist, kann man schon erkennen, welch wichtige Funktion die äußerlich oft sehr einfach erscheinenden Qigongübungen haben. Traditionelles Qigong orientiert sich immer an den Grundbewegungen des Qi (hinauf, hinab, hinaus, hinein), die ruhigen, geregelten Bewegungsabläufe mit dem steten Öffnen, Heben, Schließen und Senken fördern den Qi-Mechanismus und damit die Prozesse der Qi-Transformation und unterstützen alle Funktionen des Lebens.

Leber und Gallenblase haben hierbei eine besonders wichtige Funktion: Es ist nämlich die Qi-Transformation von Leber und Gallenblase, die die Qi-Transformation der anderen Organe (und der entsprechenden Meridiane) fördert, so dass sie alle im Gleichgewicht und in Harmonie funktionieren können.

Die Funktion der Leber, für den freien Fluss und die ungehinderte Ausbreitung des Qi zu sorgen, ist also eine sehr wesentliche. Das Leber-Qi reguliert das Qi des ganzen Körpers, es harmonisiert Qi und Blut und es macht die Meridiane durchgängig, sodass alle Aktivitäten des Lebens im Gleichgewicht aufeinander abgestimmt vor sich gehen können. 


Donnerstag, 13. Januar 2022

Asian Medicine and COVID-19

Asian Medicine ist eine multidisziplinäre Zeitschrift, gerichtet an Forscher und Praktiker der asiatischen Medizin, in der wissenschaftliche Artikel zu historischen, anthropologischen, soziologischen und philologischen Aspekten der Asiatischen Medizin sowie Praxisberichte von Klinikern in und außerhalb Asiens publiziert werden.

Herausgegeben von Michael Stanley-Baker, Ronit Yoeli-Tlalim and Dolly Yang, wurde letztes Jahr eine Spezialausgabe des Journals zum Thema der Covid-Pandemie publiziert. Diese Spezialausgabe "Asian Medicine and COVID-19" ist auf der Webseite des Brill-Verlags öffentlich zugänglich, die einzelnen Artikel können direkt im Netz gelesen oder als PDF heruntergeladen werden.

Vielleicht ist ja dieses Journal für manche von uns interessant (ganz unten im Text ist der Link). Ich übersetze hier den ersten Teil des einleitenden Artikels, verfasst von Michael Stanley-Baker und Ronit Yoeli-Tlalim. Ich finde das Gesagte äußerst wichtig, es formuliert sehr gut und kurz das Problem, das wir mit Traditionen wie der Asiatischen Medizin (im Falle von Covid vor allem der Chinesischen Medizin) haben.

In wenigen Absätzen wird klar angesprochen, dass es in erster Linie um ein erkenntnistheoretisches Problem geht. Das mechanisch-materialistische wissenschaftliche Weltbild mit seinem (unwissenschaftlichen) Alleinerklärungsanspruch verhindert andere, sinnvolle, effektive Möglichkeiten der Covid-Beämpfung, diese werden nicht nur nicht wahr- und ernstgenommen geschweige denn verstanden, sondern auch attackiert und lächerlich gemacht. Zu unser aller Verlust. In einigen Beiträgen auf dem alten Blog habe ich dies ja schon des öfteren thematisiert.

Dass die Chinesische Medizin oder auch Qigong sinn- und wirkungsvoll in der Pandemie zum Einsatz kommen könnten, ist bei uns einfach nicht vorstellbar, selbst für viele derjenigen nicht, die selbst therapeutische Erfahrungen mit der Chinesischen Medizin gemacht haben oder Qigong praktizieren. Dies weist in erster Linie auf ein Verständnisproblem hin, auf ein mangelndes Verständnis, dessen, was Wissenschaft ist bzw. sein könnte. Eine organische Wissenschaft vor dem Hintergrund einer organischen Philosophie und einer organischen Kosmogonie, wie sie in der chinesischen Philosophie und Medizin zum Ausdruck kommen, ist zwar mit dem mechanisch-materialistischen Denken nicht vereinbar, ist sie deshalb aber grundsätzlich falsch? Diskussionen, wie das wissenschaftliche Weltbild zu erweitern bzw. verändern wäre (wodurch auch Wissenstraditionen wie die asiatische Medizin sinnvoll integrierbar wären), gibt es in der Wissenschaft schon seit langem. Doch der öffentliche Diskurs, in der Pandemie unangenehm szientistisch ideologisiert, operiert fast ausschließlich mit dummen Vorurteilen, was leider zu einer Situation geführt hat, die in Bezug auf Covid einen differenzierten Dialog fast unmöglich macht. Umso wichtiger sind solche Initiativen, wie die der Herausgeber von Asian Medicine.

Hier nun meine Teilübersetzung des einleitenden Artikels. Der Artikel gibt dann auch eine Synopsis der verschiedenen Journalbeiträge, doch dies ist schon spezieller, darum habe ich auf eine Übersetzung verzichtet.

„Als wir vor etwa einem Jahr (d.h. 2020) die Herausgabe dieser Sonderausgabe in Angriff nahmen, sah bezüglich COVID-19 praktisch alles anders aus als heute. Die asiatischen Länder hatten es geschafft, die Pandemie in Schach zu halten, während Europa und die USA die schlimmste medizinische Katastrophe seit Menschengedenken erlebten. In dem Krankenhaus, in dessen Nähe eine von uns in London wohnt, starben Hunderte von Menschen. Jeder ihrer Bekannten hatte Freunde oder Verwandte, die entweder sehr ernst erkrankt oder gestorben waren.

Gleichzeitig begann sich in Singapur das Leben, abgesehen von einem gewaltigen Ausbruch in den Quartieren für Wanderarbeiter, schon wieder zu normalisieren, als die Stadt eine frühzeitig verhängte sogenannte „Sicherungs"-Lockdownperiode vergleichsweise unbeschadet überstanden hatte. Freunde und Kollegen in London fanden diese Kluft verblüffend. Sie fragten sich: Wie machen die das bloß? Während einige der Gründe für die Erfolge im Kampf gegen COVID-19 in Ostasien in den biomedizinischen Institutionen, Kenntnissen und Praktiken liegen, die als Reaktion auf frühere SARS-Ausbrüche entstanden sind, gibt es andere Aspekte der Geschichte, die noch erzählt werden müssen.

Ein Teil der Geschichte besteht darin, dass Narrative über ältere regionale medizinische Traditionen in den englischsprachigen Medien nicht willkommen waren oder, schlimmer noch, aktiv unterdrückt wurden. Die asiatische Medizin wurde in hochrangigen Publikationen wie Foreign Policy und Nature bewusst falsch dargestellt, wobei Tropen des neunzehnten Jahrhunderts wie Quacksalberei, Täuschung und Betrug verwendet wurden. Gleichzeitig haben Verschwörungstheorien und die Verbreitung von Fehlinformationen im Internet alternative, ganzheitliche Neigungen zur asiatischen Medizin in eine antiwissenschaftliche Haltung verwandelt, die sich mit der Gegnerschaft zu Impfstoffen und Wissenschaftsfeindlichkeit verbündet.

Beide Positionen, weit verbreitet in den englischsprachigen und europäischen Medien, stellen die asiatische Medizin falsch dar und beeinträchtigen aktiv unsere Fähigkeit, als globale Gemeinschaft von den Strategien, die sie zu bieten hat, zu lernen, sie anzuwenden und zu integrieren. Sie leiden daran, dass sie die asiatische Medizin auf verflachte Weise und auf simplem, verdummtem Niveau schildern, mit einer erkenntnistheoretischen Taubheit, die versäumt anzuerkennen, dass diese Länder über solide, seit langem bestehende Traditionen von Praxis, Experiment und Verifikation, institutioneller Autorität und der Feststellung von Wirksamkeit verfügen, in deren Rahmen sie Antworten auf Epidemien entwickelt haben. Diese werden nicht willkürlich festgelegt, weder aus der Laune eines Staatsoberhaupts heraus, um wirtschaftlichen oder politischen Gewinn zu erzielen, noch durch fantastische Vorstellungen unsichtbarer Manipulatoren der Wahrheit. Sie sind das Ergebnis einer langen Geschichte von Epidemien, Medizin und Traditionen von Behandlung und Pflege, und diese Prinzipien und Herangehensweisen müssen in ihrer jeweiligen Bedeutung sorgfältig verstanden werden, um sicher, verlässlich und produktiv umgesetzt und integriert werden zu können.

Es war diese Krise der Repräsentation inmitten der globalen Gesundheitskrise, die uns dazu veranlasste, unsere Kräfte zu bündeln und Experten für asiatische medizinische Traditionen einzuladen, um unser Verständnis dieser Traditionen aufzufrischen und zu vertiefen. Letztes Jahr haben wir eine Reihe von Webinaren veranstaltet, um das Gespräch in Gang zu bringen, einige Redner kommen auch in dieser Ausgabe zu Wort. Die Webinare können online auf der IASTAM-Website angesehen und für den Unterricht genutzt werden, vielleicht in Kombination mit den Artikeln hier. Unterdessen waren die Autoren damit beschäftigt, ihre Artikel in schnellem Tempo zu verfassen, und die Zeitschrift unterstützte uns freundlicherweise dabei, die Ausgabe im Schnellverfahren zu veröffentlichen, damit sie für den Unterricht und als zeitgemäßer Kommentar zur Pandemie zur Verfügung stehen kann.

Unser Ziel ist es nicht, für bestimmte therapeutische Maßnahmen zu plädieren. Die Entscheidung darüber wird durch klinische Studien getroffen und obliegt medizinischen Einrichtungen, staatlichen Institutionen und den einzelnen Ärzten. Unser Ziel ist es vielmehr, für ein tiefergehendes Zuhören einzutreten - und vor allem beizutragen, ein Bewusstsein für die kulturellen, erkenntnistheoretischen und institutionellen Barrieren in der heutigen Gesundheitsversorgung zu schaffen: die falsche Gleichsetzung von erkenntnistheoretischen Unterschieden mit Unprofessionalität und die Hybris, zu glauben, dass das Vermögen der wissenschaftlichen Methode, gute Antworten zu finden, bedeutet, dass sie die einzigen Antworten liefert. Wir gehen davon aus, dass die Diskussion über COVID-19 ein langer Prozess sein und sich nicht nur auf den aktuellen Ausbruch beschränken, sondern auch auf künftige globale Ausbrüche und neue Gesundheitskrisen erstrecken wird. Wir wollen intellektuelle Flexibilität, Nuancierung und einen Ton des Dialogs unterstützen, die es den Angehörigen der Gesundheitsberufe aus unterschiedlichen Paradigmen ermöglichen, zusammenzuarbeiten, voneinander zu lernen und sich gegenseitig im gemeinsamen Bestreben zu unterstützen, unsere Mitmenschen vor Schaden und Krankheiten zu schützen. Ein solcher Dialog erfordert kritische Werkzeuge, und wir glauben, dass diese Werkzeuge in dieser Ausgabe in ausreichendem Maße vorhanden sind.

Wir können viel lernen, wenn wir die Perspektive bezüglich COVID-19 erweitern: zeitlich, geografisch und kulturell. Es geht nicht um oberflächliche Vergleiche, sondern vielmehr um Wege des Forschens und des Dialogs: Welche Fragen müssen wir uns als Weltbürger des einundzwanzigsten Jahrhunderts angesichts dieser welterschütternden Erfahrung stellen? Welche Lehren können wir daraus ziehen? Welches Vokabular und welche Stile des vergleichenden Diskurses sind destruktiv und schädlich für weiteres Lernen und gegenseitige Unterstützung? Welche wertvollen Lehren laufen Gefahr, ignoriert zu werden? Welche geschichtlichen Aspekte sind für Historiker, Anthropologen und Praktiker der asiatischen Medizin klarer? Können uns diese Blickwinkel helfen, die verschiedenen, oft konkurrierenden Arten und Weisen des Verständnisses von Pandemien zu verstehen? Verändert ein vergleichsweise hohes Niveau historischen Bewusstseins bezüglich Pandemien bei Politikern und Gesundheitsexperten deren Reaktionsfähigkeit? Wie können Pandemien ein erneuertes und revidiertes Denken bezüglich sozialer Gerechtigkeit anregen? ..."

Soweit meine Übersetzung. Vielleicht übersetze ich auch noch den zweiten Teil des Artikels, aber eben nur vielleicht. Das im ersten Teil Gesagte ist das Wichtigste, was kommt ist dann spezieller und detaillierter, ich vermute, das interessiert nicht jeden.

Hier der Link zum Journal:

Sonntag, 9. Januar 2022

Einmal Yin, einmal Yang ...

Ein Yin, ein Yang, das ist das Dao, so heißt es in den Angeknüpften Worten, einem der alten Kommentare zum Yijing, dem Buch der Wandlungen. Jede Einheit, jede Ganzheit, vom großen Ganzen des Universums bis zu den 10000 Wesen, von denen der Mensch eines ist, ist durch das Gegensatzpaar von Yin und Yang charakterisiert, sowohl zeitlich als Abfolge, als eine Zeit des Yin und eine des Yang, als auch räumlich, als eine Seite Yin und eine Seite Yang. Durch die Begriffe Yin und Yang wird die Ordnung von Universum, menschlicher Gemeinschaft und Einzelwesen erfasst, das sinnvolle Ganze, das den Teilen zugrunde liegt. 

Wie Marcel Granet in Das chinesische Denken schreibt: Der Gedanke des Paars wird nie von der Vorstellung einer Verbindung gelöst, und maßgebend bei der Regel der Zweiteiligkeit bleibt die Auffassung, dass beide Teile ein Ganzes darstellen. Der Gegensatz von Yin und Yang wird nicht (und wurde niemals) als grundsätzlicher und absoluter Gegensatz im Sinn von Sein und Nichtsein, Gut und Böse verstanden, sondern als ein relativer Gegensatz rhythmischer Art...

Eng verbunden mit den Begriffen Yin, Yang und Dao sind die Vorstellungen des rhythmischen Wandels (bian 變), der ungehinderten Durchdringung (tong 通) und der organischen Muster (li 理). Diese sind auch grundlegend für die Chinesische Medizin und generell für das chinesische Verständnis des menschlichen Lebens und seiner Prozesse. Und damit sind wir schon im Hier und Jetzt, auf dem Blog und beim heutigen Video. Diesmal nicht mit einer Qigongübung, sondern mit einfachen Bewegungen aus dem Taiji.

Yin und Yang (eine Zweiheit), und doch Dao (eine Einheit), im Taijisymbol ist dies jedem einsichtig. Für die Praktiken der Lebenspflege (yangsheng 養生) ist das Yin-Yang-Denken grundlegend, wichtig und notwendig. Dabei kommt es nicht darauf an, die komplexen Yin- Yang- und Qi-Muster der Chinesischen Medizin zu kennen, das ist nur für den Arzt wichtig, der zuerst diagnostisch die Abweichung von der natürlichen Ordnung feststellt und die Ordnung therapeutisch wieder herzustellen sucht, wobei die therapeutischen Mittel in erster Linie Kräutertherapie, Akupunktur und auch Ratschläge zur Lebensführung im Alltag sind. 

Wie in der Medizin geht es auch in der Praxis des Yangsheng um die Wiedergewinnung der natürlichen Ordnung. Der diagnostische Aspekt ist nicht so wichtig, da bei den diversen Methoden des Yangsheng (Qigong, Taiji, Meditation etc.) die Therapie nicht von außen kommt, sondern von innen. Praktiziert man z.B. Qigong, unterstützt man die Fähigkeit des Organismus, durch eigene Kraft, von innen, zurück zur natürlichen Ordnung zu finden. Dass dies möglich ist, zeigen die chinesischen Erfahrungen von über zweitausend Jahren.

Yin und Yang geben den Rhythmus des Tuns und der Vorgehensweise vor. Im letzten Video (und auch im heutigen) habe ich angesprochen, dass zwei Jahre Pandemie ihre Spuren hinterlassen haben. Länger dauernde Belastungen wirken sich auf die Balance von Yin und Yang aus, sie nagen quasi am Qi. Das Yin hat als erstes gelitten (mit resultierenden Problemen des Yang, das durch das Yin nicht mehr kontrolliert werden kann), doch dauert die Pandemie schon so lange, dass auch das Yang kollabiert und damit ein Zustand eingetreten ist, der viel ernster ist und dringend der Korrektur bedarf. Und ich meine da nicht nur den Einzelnen und seine körperliche und psychische Gesundheit, es betrifft auch die Gesellschaft als Ganzes. Wenn die Basis verlorengeht, entstehen Extreme aller Art, die sich in unter anderem in exzessivem oder auch aggressivem Verhalten äußern können, in unklarem und verwirrtem Denken, oder auch in Rückzug, Depression, Lethargie und Antriebslosigkeit. Und in vielem mehr, was man oft gar nicht so leicht als Problem oder als Ausdruck eines grundlegenden Problem zu identifizieren vermag. 

Mehr dazu ein anderes Mal. Die wechselseitige Abhängigkeit von Yin und Yang, die Qi-Muster, die sich gesetzmäßig einstellen, wenn ein Aspekt des Yin-Yang-Paars geschwächt ist, und wie man diesen (mit ihren resultierenden Problemen in Gesundheit und Wohlbefinden) entgegenwirkt, sind ein wichtiges Thema, auf das wir ein anderes Mal weiter eingehen werden. 

Um ein Disharmoniemuster zu regulieren, braucht es eine Strategie. Die versuchen wir mit den Übungen der derzeitigen Videos zu vermitteln. Wenn das Qi am Boden ist, kann man nicht einfach drauflosüben, das Qi ist erschöpft und jedes Üben (vor allem Qigong), fordert (und überfordert damit leicht) das Qi. Meditation ist bei einer solchen Disharmonie kontraindiziert, sie wäre zwar das Beste, um das Qi aufzubauen, doch braucht sie ein gewisses Fundament und eine Stabilität des Qi, um wirken zu können. Darum haben wir uns auf Übungen wie das Öffnen und Schließen, Heben und Senken verlegt, einfache Übungen, gekoppelt mit der Atmung, die nicht zu lange ausgeführt werden. Lieber kürzer üben, dafür aber ein paarmal am Tag. 

Und heute kommen auch noch einfache Taijibewegungen dazu. Qigong wirkt mehr von innen nach außen, Taiji hingegen wirkt von außen nach innen. Taiji ist in gewissem Sinne oberflächlicher, bewegt aber auch das Qi und es hat den großen Vorteil, dass seine Wirkung auf das Yin-Yang-Muster des Organismus ausbalanciert und ausgewogen ist. Ping bu ping xie 平補平瀉 nennt man das auf Chinesisch: ausgewogen aufbauen und reduzieren. Wenn die innere Unordnung groß ist, kann man nicht einfach aufbauen, sonst wird diese noch verstärkt, wenn das Qi geschwächt ist, kann man nicht einfach reduzieren, sonst wird es noch schwächer. Taiji wirkt gleichzeitig aufbauend und reduzierend, das Qi wird bewegt, aber bei moderatem Üben nicht überfordert, gleichzeitig wird das Qi harmonisiert, und im Zusammenspiel mit den einfachen Qigong-Übungen wird die Basis dafür gelegt, dass irgendwann auch aufbauende Übungen mit hinzugenommen werden können. 

Bewegen, Harmonisieren, Aufbauen, das ist die Strategie für die nächste Zeit.


Die Übungen zur Harmonisierung von Atem und Qi - Abschluss und die ganze Folge zum Mitüben

Dies ist nun das abschließende Video mit allen Übungen der Folge zur Harmonisierung von Atem und Qi. Zuerst gehe ich detaillierter auf den A...