Sonntag, 16. Januar 2022

Altes Buddhistisches Gebet

Die chinesische Vision des Kosmos ist die eines organischen Ganzen, eines großen sinnvollen Zusammenhangs sich kontinuierlich entfaltender Kreativität. Philosophie, Ethik und Moral, Medizin, Politik und Kunst werden vor dem selben Hintergrund gedacht und verstanden, eben dem des Qi und dessen schöpferischer Entfaltung zu und in einem durch und durch lebendigen Universum. Das heißt natürlich, dass das Qi nicht nur durch Taiji, Qigong und Meditation wahrnehmbar und nicht nur durch Akupunktur, Massage und Kräuter beeinflussbar ist, auch im klaren Denken kommt es in seiner Schöpferkraft und Lebendigkeit im Ausdruck, in einem dem Mitmenschen zugewandten Handeln (Gutes Tun - ein Aspekt, der im Daoismus sehr stark betont wurde und wird), und auch in der Kunst, in Malerei, Musik, Tanz, Theater, Kalligraphie.

In diesem Zusammenhang möchte ich hier den Link zu einem wunderbaren Choralwerk auf den Blog stellen. Dabei handelt es sich um das Alte Buddhistische Gebet, komponiert von einem der Genies der Musikgeschichte, der mit nur 24 Jahren verstorbenen Lili Boulanger. Sie vollendete das Werk 1917 im Ersten Weltkrieg, ein Jahr vor ihrem Tod.

Das Gebet stammt aus dem Metta Sutta, dem Sutta der Güte (des Wohlwollens, der Freundlichkeit, des Mitgefühls), einem Lehrwerk aus dem Pali-Kanon des Buddhismus. Den Text des Sutta (in der Lili Boulanger zur Verfügung gestellten Übersetzung von Suzanne Karpelès) habe ich unter den YouTube-Link gestellt, so wie er gesungen wird in Französisch, und auch auf Deutsch und Englisch.

Dieses Gebet ist zeitlos und wird wohl zu aller Zeit gebraucht..


Vieille prière bouddhique

Que toute chose qui respire, sans ennemis, sans obstacles, surmontant la douleur et atteignant le bonheur, puisse se mouvoir librement, chacune dans la voie qui lui est destinée.

Que toutes les créatures et partout, tous les esprits et tous ceux qui sont nés, sans ennemis, sans obstacles, surmontant la douleur et atteignant le bonheur, puisse se mouvoir librement, chacun dans la voie qui lui est destinée.

Que toutes les femmes, que tous les hommes, les Aryens et les non Aryens, tous les dieux et tous les humains et ceux qui sont déchus, sans ennemis, sans obstacles, surmontant la douleur et atteignant le bonheur, puisse se mouvoir librement, chacun dans la voie qui lui est destinée.

En Orient et en Occident, au Nord et au Sud, que tous les êtres qui existent, sans ennemis, sans obstacles, surmontant la douleur et atteignant le bonheur, puisse se mouvoir librement, chacun dans la voie qui lui est destinée.

Altes Buddhistisches Gebet

Alles, was atmet, soll den Schmerz überwinden und Glückseligkeit erlangen, ohne Feinde, ohne jede Behinderung, und sich in Freiheit bewegen, ein jedes auf dem Weg, der ihm bestimmt.

Alle Geschöpfe von überall, alle Geister, und alle, die geboren wurden, sollen den Schmerz überwinden und Glückseligkeit erlangen, ohne Feinde, ohne jede Behinderung, und sich in Freiheit bewegen, ein jedes auf dem Weg, der ihm bestimmt.

Alle Frauen, alle Männer, alle Arier und Nicht-Arier, alle Götter und Menschen, und alle, die gefallen sind, sollen den Schmerz überwinden und Glückseligkeit erlangen, ohne Feinde, ohne jede Behinderung, und sich in Freiheit bewegen, ein jeder auf dem Weg, der ihm bestimmt.

In Orient und Okzident, im Norden und Süden sollen alle Wesen, die existieren, den Schmerz überwinden und Glückseligkeit erlangen, ohne Feinde, ohne jede Behinderung, und sich in Freiheit bewegen, ein jedes auf dem Weg, der ihm bestimmt.

Ancient Buddhist Prayer

All that breathes shall overcome pain without enemies, without obstacles, and attain happiness and move in freedom, each on the path for which it is destined.

All creatures from everywhere, all spirits and all those who have been born, shall overcome pain without enemies, without obstacles, and attain happiness and move in freedom, each on the path for which it is destined.

All women, all men, Aryans and non-Aryans alike, all gods and all humans, and all who are fallen shall overcome pain without enemies, without obstacles, and attain happiness and move in freedom, each on the path for which it is destined.

In Orient and the Occident, North and South, all beings who exist shall overcome pain without enemies, without obstacles, and attain happiness and move in freedom, each on the path for which it is destined. 

Samstag, 15. Januar 2022

Nähren des Yin und Bewegen des Qi

Ein Video für das Wochenende. Ruhige Übungen zur Unterstützung vor allem des Yin-Aspekts des Qi und generell zur Bewegung des Qi. Mit ein paar abschließenden philosophischen Ezzes, die ich ein andermal hier auf dem Blog auch schriftlich ausführen werde. Ich verspreche mich ganz am Ende des Videos: res extensa wollte ich natürlich sagen, einer der beiden Begriffe der cartesischen Ontologie, der für die (ausgebreitete) materielle Welt steht, die mit Seele, Bewusstssein und Innenleben des Menschen nichts zu tun hat.


Donnerstag, 13. Januar 2022

Asian Medicine and COVID-19

Asian Medicine ist eine multidisziplinäre Zeitschrift, gerichtet an Forscher und Praktiker der asiatischen Medizin, in der wissenschaftliche Artikel zu historischen, anthropologischen, soziologischen und philologischen Aspekten der Asiatischen Medizin sowie Praxisberichte von Klinikern in und außerhalb Asiens publiziert werden.

Herausgegeben von Michael Stanley-Baker, Ronit Yoeli-Tlalim and Dolly Yang, wurde letztes Jahr eine Spezialausgabe des Journals zum Thema der Covid-Pandemie publiziert. Diese Spezialausgabe "Asian Medicine and COVID-19" ist auf der Webseite des Brill-Verlags öffentlich zugänglich, die einzelnen Artikel können direkt im Netz gelesen oder als PDF heruntergeladen werden.

Vielleicht ist ja dieses Journal für manche von uns interessant (ganz unten im Text ist der Link). Ich übersetze hier den ersten Teil des einleitenden Artikels, verfasst von Michael Stanley-Baker und Ronit Yoeli-Tlalim. Ich finde das Gesagte äußerst wichtig, es formuliert sehr gut und kurz das Problem, das wir mit Traditionen wie der Asiatischen Medizin (im Falle von Covid vor allem der Chinesischen Medizin) haben.

In wenigen Absätzen wird klar angesprochen, dass es in erster Linie um ein erkenntnistheoretisches Problem geht. Das mechanisch-materialistische wissenschaftliche Weltbild mit seinem (unwissenschaftlichen) Alleinerklärungsanspruch verhindert andere, sinnvolle, effektive Möglichkeiten der Covid-Beämpfung, diese werden nicht nur nicht wahr- und ernstgenommen geschweige denn verstanden, sondern auch attackiert und lächerlich gemacht. Zu unser aller Verlust. In einigen Beiträgen auf dem alten Blog habe ich dies ja schon des öfteren thematisiert.

Dass die Chinesische Medizin oder auch Qigong sinn- und wirkungsvoll in der Pandemie zum Einsatz kommen könnten, ist bei uns einfach nicht vorstellbar, selbst für viele derjenigen nicht, die selbst therapeutische Erfahrungen mit der Chinesischen Medizin gemacht haben oder Qigong praktizieren. Dies weist in erster Linie auf ein Verständnisproblem hin, auf ein mangelndes Verständnis, dessen, was Wissenschaft ist bzw. sein könnte. Eine organische Wissenschaft vor dem Hintergrund einer organischen Philosophie und einer organischen Kosmogonie, wie sie in der chinesischen Philosophie und Medizin zum Ausdruck kommen, ist zwar mit dem mechanisch-materialistischen Denken nicht vereinbar, ist sie deshalb aber grundsätzlich falsch? Diskussionen, wie das wissenschaftliche Weltbild zu erweitern bzw. verändern wäre (wodurch auch Wissenstraditionen wie die asiatische Medizin sinnvoll integrierbar wären), gibt es in der Wissenschaft schon seit langem. Doch der öffentliche Diskurs, in der Pandemie unangenehm szientistisch ideologisiert, operiert fast ausschließlich mit dummen Vorurteilen, was leider zu einer Situation geführt hat, die in Bezug auf Covid einen differenzierten Dialog fast unmöglich macht. Umso wichtiger sind solche Initiativen, wie die der Herausgeber von Asian Medicine.

Hier nun meine Teilübersetzung des einleitenden Artikels. Der Artikel gibt dann auch eine Synopsis der verschiedenen Journalbeiträge, doch dies ist schon spezieller, darum habe ich auf eine Übersetzung verzichtet.

„Als wir vor etwa einem Jahr (d.h. 2020) die Herausgabe dieser Sonderausgabe in Angriff nahmen, sah bezüglich COVID-19 praktisch alles anders aus als heute. Die asiatischen Länder hatten es geschafft, die Pandemie in Schach zu halten, während Europa und die USA die schlimmste medizinische Katastrophe seit Menschengedenken erlebten. In dem Krankenhaus, in dessen Nähe eine von uns in London wohnt, starben Hunderte von Menschen. Jeder ihrer Bekannten hatte Freunde oder Verwandte, die entweder sehr ernst erkrankt oder gestorben waren.

Gleichzeitig begann sich in Singapur das Leben, abgesehen von einem gewaltigen Ausbruch in den Quartieren für Wanderarbeiter, schon wieder zu normalisieren, als die Stadt eine frühzeitig verhängte sogenannte „Sicherungs"-Lockdownperiode vergleichsweise unbeschadet überstanden hatte. Freunde und Kollegen in London fanden diese Kluft verblüffend. Sie fragten sich: Wie machen die das bloß? Während einige der Gründe für die Erfolge im Kampf gegen COVID-19 in Ostasien in den biomedizinischen Institutionen, Kenntnissen und Praktiken liegen, die als Reaktion auf frühere SARS-Ausbrüche entstanden sind, gibt es andere Aspekte der Geschichte, die noch erzählt werden müssen.

Ein Teil der Geschichte besteht darin, dass Narrative über ältere regionale medizinische Traditionen in den englischsprachigen Medien nicht willkommen waren oder, schlimmer noch, aktiv unterdrückt wurden. Die asiatische Medizin wurde in hochrangigen Publikationen wie Foreign Policy und Nature bewusst falsch dargestellt, wobei Tropen des neunzehnten Jahrhunderts wie Quacksalberei, Täuschung und Betrug verwendet wurden. Gleichzeitig haben Verschwörungstheorien und die Verbreitung von Fehlinformationen im Internet alternative, ganzheitliche Neigungen zur asiatischen Medizin in eine antiwissenschaftliche Haltung verwandelt, die sich mit der Gegnerschaft zu Impfstoffen und Wissenschaftsfeindlichkeit verbündet.

Beide Positionen, weit verbreitet in den englischsprachigen und europäischen Medien, stellen die asiatische Medizin falsch dar und beeinträchtigen aktiv unsere Fähigkeit, als globale Gemeinschaft von den Strategien, die sie zu bieten hat, zu lernen, sie anzuwenden und zu integrieren. Sie leiden daran, dass sie die asiatische Medizin auf verflachte Weise und auf simplem, verdummtem Niveau schildern, mit einer erkenntnistheoretischen Taubheit, die versäumt anzuerkennen, dass diese Länder über solide, seit langem bestehende Traditionen von Praxis, Experiment und Verifikation, institutioneller Autorität und der Feststellung von Wirksamkeit verfügen, in deren Rahmen sie Antworten auf Epidemien entwickelt haben. Diese werden nicht willkürlich festgelegt, weder aus der Laune eines Staatsoberhaupts heraus, um wirtschaftlichen oder politischen Gewinn zu erzielen, noch durch fantastische Vorstellungen unsichtbarer Manipulatoren der Wahrheit. Sie sind das Ergebnis einer langen Geschichte von Epidemien, Medizin und Traditionen von Behandlung und Pflege, und diese Prinzipien und Herangehensweisen müssen in ihrer jeweiligen Bedeutung sorgfältig verstanden werden, um sicher, verlässlich und produktiv umgesetzt und integriert werden zu können.

Es war diese Krise der Repräsentation inmitten der globalen Gesundheitskrise, die uns dazu veranlasste, unsere Kräfte zu bündeln und Experten für asiatische medizinische Traditionen einzuladen, um unser Verständnis dieser Traditionen aufzufrischen und zu vertiefen. Letztes Jahr haben wir eine Reihe von Webinaren veranstaltet, um das Gespräch in Gang zu bringen, einige Redner kommen auch in dieser Ausgabe zu Wort. Die Webinare können online auf der IASTAM-Website angesehen und für den Unterricht genutzt werden, vielleicht in Kombination mit den Artikeln hier. Unterdessen waren die Autoren damit beschäftigt, ihre Artikel in schnellem Tempo zu verfassen, und die Zeitschrift unterstützte uns freundlicherweise dabei, die Ausgabe im Schnellverfahren zu veröffentlichen, damit sie für den Unterricht und als zeitgemäßer Kommentar zur Pandemie zur Verfügung stehen kann.

Unser Ziel ist es nicht, für bestimmte therapeutische Maßnahmen zu plädieren. Die Entscheidung darüber wird durch klinische Studien getroffen und obliegt medizinischen Einrichtungen, staatlichen Institutionen und den einzelnen Ärzten. Unser Ziel ist es vielmehr, für ein tiefergehendes Zuhören einzutreten - und vor allem beizutragen, ein Bewusstsein für die kulturellen, erkenntnistheoretischen und institutionellen Barrieren in der heutigen Gesundheitsversorgung zu schaffen: die falsche Gleichsetzung von erkenntnistheoretischen Unterschieden mit Unprofessionalität und die Hybris, zu glauben, dass das Vermögen der wissenschaftlichen Methode, gute Antworten zu finden, bedeutet, dass sie die einzigen Antworten liefert. Wir gehen davon aus, dass die Diskussion über COVID-19 ein langer Prozess sein und sich nicht nur auf den aktuellen Ausbruch beschränken, sondern auch auf künftige globale Ausbrüche und neue Gesundheitskrisen erstrecken wird. Wir wollen intellektuelle Flexibilität, Nuancierung und einen Ton des Dialogs unterstützen, die es den Angehörigen der Gesundheitsberufe aus unterschiedlichen Paradigmen ermöglichen, zusammenzuarbeiten, voneinander zu lernen und sich gegenseitig im gemeinsamen Bestreben zu unterstützen, unsere Mitmenschen vor Schaden und Krankheiten zu schützen. Ein solcher Dialog erfordert kritische Werkzeuge, und wir glauben, dass diese Werkzeuge in dieser Ausgabe in ausreichendem Maße vorhanden sind.

Wir können viel lernen, wenn wir die Perspektive bezüglich COVID-19 erweitern: zeitlich, geografisch und kulturell. Es geht nicht um oberflächliche Vergleiche, sondern vielmehr um Wege des Forschens und des Dialogs: Welche Fragen müssen wir uns als Weltbürger des einundzwanzigsten Jahrhunderts angesichts dieser welterschütternden Erfahrung stellen? Welche Lehren können wir daraus ziehen? Welches Vokabular und welche Stile des vergleichenden Diskurses sind destruktiv und schädlich für weiteres Lernen und gegenseitige Unterstützung? Welche wertvollen Lehren laufen Gefahr, ignoriert zu werden? Welche geschichtlichen Aspekte sind für Historiker, Anthropologen und Praktiker der asiatischen Medizin klarer? Können uns diese Blickwinkel helfen, die verschiedenen, oft konkurrierenden Arten und Weisen des Verständnisses von Pandemien zu verstehen? Verändert ein vergleichsweise hohes Niveau historischen Bewusstseins bezüglich Pandemien bei Politikern und Gesundheitsexperten deren Reaktionsfähigkeit? Wie können Pandemien ein erneuertes und revidiertes Denken bezüglich sozialer Gerechtigkeit anregen? ..."

Soweit meine Übersetzung. Vielleicht übersetze ich auch noch den zweiten Teil des Artikels, aber eben nur vielleicht. Das im ersten Teil Gesagte ist das Wichtigste, was kommt ist dann spezieller und detaillierter, ich vermute, das interessiert nicht jeden.

Hier der Link zum Journal:

Dienstag, 11. Januar 2022

Tiaofei yangfei 調肺養肺 - Übungen zur Regulierung von Lungen-Meridian und Lungen-Qi

„Alles Qi gehört zur Lunge", heißt es im Huangdi Neijing 皇帝内經, dem Klassiker des Gelben Kaisers, wobei mit Qi sowohl die Atmung als auch der Qi-Fluss im ganzen Körper gemeint sind.  Und: "Wird die Lunge verletzt, heben alle Krankheiten an."

Darum ist es so wichtig, das Qi der Lungen zu regulieren und zu unterstützen. Egal, ob es um die Pflege des Lebens (yangsheng 養生) oder um eine Therapie mittels Chinesischer Medizin geht, man muss immer auch die Lunge regulieren bzw. die Lunge behandeln. Man kümmert sich sozusagen um die Wurzel des eigenen Lebens.

Laozi drückt es so aus: 深根固柢長生久視之道 shen gen gu di, changsheng jiushi zhi dao. "Tiefe Wurzel und fester Grund, dies ist der Weg des langen Lebens und der dauernden Schau."

 

Sonntag, 9. Januar 2022

Einmal Yin, einmal Yang ...

Ein Yin, ein Yang, das ist das Dao, so heißt es in den Angeknüpften Worten, einem der alten Kommentare zum Yijing, dem Buch der Wandlungen. Jede Einheit, jede Ganzheit, vom großen Ganzen des Universums bis zu den 10000 Wesen, von denen der Mensch eines ist, ist durch das Gegensatzpaar von Yin und Yang charakterisiert, sowohl zeitlich als Abfolge, als eine Zeit des Yin und eine des Yang, als auch räumlich, als eine Seite Yin und eine Seite Yang. Durch die Begriffe Yin und Yang wird die Ordnung von Universum, menschlicher Gemeinschaft und Einzelwesen erfasst, das sinnvolle Ganze, das den Teilen zugrunde liegt. 

Wie Marcel Granet in Das chinesische Denken schreibt: Der Gedanke des Paars wird nie von der Vorstellung einer Verbindung gelöst, und maßgebend bei der Regel der Zweiteiligkeit bleibt die Auffassung, dass beide Teile ein Ganzes darstellen. Der Gegensatz von Yin und Yang wird nicht (und wurde niemals) als grundsätzlicher und absoluter Gegensatz im Sinn von Sein und Nichtsein, Gut und Böse verstanden, sondern als ein relativer Gegensatz rhythmischer Art...

Eng verbunden mit den Begriffen Yin, Yang und Dao sind die Vorstellungen des rhythmischen Wandels (bian 變), der ungehinderten Durchdringung (tong 通) und der organischen Muster (li 理). Diese sind auch grundlegend für die Chinesische Medizin und generell für das chinesische Verständnis des menschlichen Lebens und seiner Prozesse. Und damit sind wir schon im Hier und Jetzt, auf dem Blog und beim heutigen Video. Diesmal nicht mit einer Qigongübung, sondern mit einfachen Bewegungen aus dem Taiji.

Yin und Yang (eine Zweiheit), und doch Dao (eine Einheit), im Taijisymbol ist dies jedem einsichtig. Für die Praktiken der Lebenspflege (yangsheng 養生) ist das Yin-Yang-Denken grundlegend, wichtig und notwendig. Dabei kommt es nicht darauf an, die komplexen Yin- Yang- und Qi-Muster der Chinesischen Medizin zu kennen, das ist nur für den Arzt wichtig, der zuerst diagnostisch die Abweichung von der natürlichen Ordnung feststellt und die Ordnung therapeutisch wieder herzustellen sucht, wobei die therapeutischen Mittel in erster Linie Kräutertherapie, Akupunktur und auch Ratschläge zur Lebensführung im Alltag sind. 

Wie in der Medizin geht es auch in der Praxis des Yangsheng um die Wiedergewinnung der natürlichen Ordnung. Der diagnostische Aspekt ist nicht so wichtig, da bei den diversen Methoden des Yangsheng (Qigong, Taiji, Meditation etc.) die Therapie nicht von außen kommt, sondern von innen. Praktiziert man z.B. Qigong, unterstützt man die Fähigkeit des Organismus, durch eigene Kraft, von innen, zurück zur natürlichen Ordnung zu finden. Dass dies möglich ist, zeigen die chinesischen Erfahrungen von über zweitausend Jahren.

Yin und Yang geben den Rhythmus des Tuns und der Vorgehensweise vor. Im letzten Video (und auch im heutigen) habe ich angesprochen, dass zwei Jahre Pandemie ihre Spuren hinterlassen haben. Länger dauernde Belastungen wirken sich auf die Balance von Yin und Yang aus, sie nagen quasi am Qi. Das Yin hat als erstes gelitten (mit resultierenden Problemen des Yang, das durch das Yin nicht mehr kontrolliert werden kann), doch dauert die Pandemie schon so lange, dass auch das Yang kollabiert und damit ein Zustand eingetreten ist, der viel ernster ist und dringend der Korrektur bedarf. Und ich meine da nicht nur den Einzelnen und seine körperliche und psychische Gesundheit, es betrifft auch die Gesellschaft als Ganzes. Wenn die Basis verlorengeht, entstehen Extreme aller Art, die sich in unter anderem in exzessivem oder auch aggressivem Verhalten äußern können, in unklarem und verwirrtem Denken, oder auch in Rückzug, Depression, Lethargie und Antriebslosigkeit. Und in vielem mehr, was man oft gar nicht so leicht als Problem oder als Ausdruck eines grundlegenden Problem zu identifizieren vermag. 

Mehr dazu ein anderes Mal. Die wechselseitige Abhängigkeit von Yin und Yang, die Qi-Muster, die sich gesetzmäßig einstellen, wenn ein Aspekt des Yin-Yang-Paars geschwächt ist, und wie man diesen (mit ihren resultierenden Problemen in Gesundheit und Wohlbefinden) entgegenwirkt, sind ein wichtiges Thema, auf das wir ein anderes Mal weiter eingehen werden. 

Um ein Disharmoniemuster zu regulieren, braucht es eine Strategie. Die versuchen wir mit den Übungen der derzeitigen Videos zu vermitteln. Wenn das Qi am Boden ist, kann man nicht einfach drauflosüben, das Qi ist erschöpft und jedes Üben (vor allem Qigong), fordert (und überfordert damit leicht) das Qi. Meditation ist bei einer solchen Disharmonie kontraindiziert, sie wäre zwar das Beste, um das Qi aufzubauen, doch braucht sie ein gewisses Fundament und eine Stabilität des Qi, um wirken zu können. Darum haben wir uns auf Übungen wie das Öffnen und Schließen, Heben und Senken verlegt, einfache Übungen, gekoppelt mit der Atmung, die nicht zu lange ausgeführt werden. Lieber kürzer üben, dafür aber ein paarmal am Tag. 

Und heute kommen auch noch einfache Taijibewegungen dazu. Qigong wirkt mehr von innen nach außen, Taiji hingegen wirkt von außen nach innen. Taiji ist in gewissem Sinne oberflächlicher, bewegt aber auch das Qi und es hat den großen Vorteil, dass seine Wirkung auf das Yin-Yang-Muster des Organismus ausbalanciert und ausgewogen ist. Ping bu ping xie 平補平瀉 nennt man das auf Chinesisch: ausgewogen aufbauen und reduzieren. Wenn die innere Unordnung groß ist, kann man nicht einfach aufbauen, sonst wird diese noch verstärkt, wenn das Qi geschwächt ist, kann man nicht einfach reduzieren, sonst wird es noch schwächer. Taiji wirkt gleichzeitig aufbauend und reduzierend, das Qi wird bewegt, aber bei moderatem Üben nicht überfordert, gleichzeitig wird das Qi harmonisiert, und im Zusammenspiel mit den einfachen Qigong-Übungen wird die Basis dafür gelegt, dass irgendwann auch aufbauende Übungen mit hinzugenommen werden können. 

Bewegen, Harmonisieren, Aufbauen, das ist die Strategie für die nächste Zeit.


Donnerstag, 6. Januar 2022

Zwischen Erde und Himmel - Eine Qigong-Übungsstunde

Das heutige Video ist ähnlich einfach gehalten wie das vom Anfang der Woche. Es gibt zuerst einen kurzen gesprochenen Teil mit Erklärungen und dann einfache Übungen zur Atemregulation und zur Unterstützung vor allem des Yin-Aspekts des Qi.

Ich spreche im Video eigentlich viele verschiedene und doch zusammenhängende (wichtige und relevante) Themen an. Zum besseren Verständnis wollte ich das auch noch schriftlich ergänzen, aber ich wurde gerade unterbrochen und werde heute nicht mehr dazukommen. 

Doch da dies ohnehin sehr weit gefasste Themen sind, die von der Gesundheit bis zur Philosophie und letztlich Kosmologie - quasi von der Erde bis zum Himmel - reichen, macht das weiter nichts, mit einem kurzen Text wäre es ohnehin nicht getan. Das kommt später. 

Montag, 3. Januar 2022

Endlosem Faden gleich, wirkend ohne Mühe ...

Hier ist das erste Video des neuen Jahres, mit einer Übungsfolge zur Regulierung (tiao 調) des Atems (qi 氣).

Wenn im Qigong vom Atem (qi 氣) die Rede ist, bezieht man sich einerseits auf die "äußere" Atmung über die Lungen, also auf das Luftholen, das Ein- und Ausströmen des Atems, und andererseits ist die "innere" Atmung gemeint als harmonisch geordnete Bewegung des Qi im Körper.

Diese beiden Aspekte der Atmung sind eng miteinander verbunden. Es ist die äußere (Lungen-) Atmung, die das innere Qi antreibt und bewegt, gehört doch die Bewegung des Qi durch den Körper zu den Qi-Funktionen der Lunge. Das heißt aber nicht, dass man versuchen soll, durch kraftvolles oder bemühtes Atmen dem Qi einen starken Impuls zu versetzen, ganz im Gegenteil, im Qigong wird die Betonung auf Ruhe, Langsamkeit und Feinheit des Atems gelegt. Bleibt man beim Qigong-Üben ruhig und entspannt, dann wird sich natürlicherweise auch die Atmung verändern, sie wird ruhig werden, langsam und fein, und dann wird sich auch das Qi stark, kraftvoll und geordnet zu bewegen beginnen.

Im 6. Kapitel des Laozi findet sich die klassische Passage zum Atem: 綿綿若存用之不勤 mian mian ruo cun, yong zhi bu qin - Endlosem Faden gleich, wie anwesend, wirkend ohne Mühe, heißt es dort. Wie im alten Kommentar des Heshanggong 河上公, des Alten vom Fluss, ausgeführt wird, sind damit ruhige, fadenfeine Atemzüge gemeint, so fein, wie anwesend, dass der Atem fast unmerklich wird. Und doch, gerade wegen der Abwesenheit aller Anstrengung und Mühe, entsteht Wirkung, harmonische Wirkung, die alle Aspekte des Körpers erfasst.

Qigong wurde in den 1980er-Jahren erstmals zu einer Massenbewegung, als die Menschen realisierten, dass sie durch Qigong Raum zum Atem bekamen, allen bedrückenden Erfahrungen des Alltags zum Trotz. Und ich hoffe, dass auch wir in dieser endlos scheinenden Pandemie etwas von diesem Raum zum Atmen entdecken können.


Die Übungen zur Harmonisierung von Atem und Qi - Abschluss und die ganze Folge zum Mitüben

Dies ist nun das abschließende Video mit allen Übungen der Folge zur Harmonisierung von Atem und Qi. Zuerst gehe ich detaillierter auf den A...