Die vorletzte Bewegung aus der Folge zur Regulierung und Harmonisierung von Atem und Qi habe ich noch nicht im Detail gezeigt, dies erfolgt nun mit diesem kurzen Video.
Diese Übung dient vor allem der Stärkung des Qi von Lungen und Nieren. Die Qi-Funktionen der Lungen und ihre Verbindung zu den Nieren habe ich schon in einem Beitrag der vorletzten Woche angesprochen, inhaltlich gilt dies auch für diese Übung und braucht darum hier nicht zu wiederholt werden.
Qigong-Übungen haben jedoch nie nur eine Funktion. Sie dienen immer auch der Regulierung des Qi des ganzen Körpers (dies ist der wichtigste Aspekt des Qigong-Übens), auch wenn natürlich unterschiedliche Übungen entsprechend unterschiedliche und spezifischere Wirkungen entfalten können.
Mit anderen Worten: jede Qigong-Übung - dies gilt vor allem für die traditionellen Übungen - kann gut für alles sein. Das heißt aber nicht, dass man beim konkreten Üben nicht unter Umständen feststellen wird, dass sich manche Wirkungen bei bestimmten Übungen besser und leichter einstellen als bei anderen. So gibt es z.B. eine Fülle von Übungen zur Stärkung des Nieren-Qi, ich kenne aber keine, die an das Qigong-Gehen zur Stärkung der Nieren (qiangshenfa 強腎法) herankommt, wie es Prof. Cong Yongchun unterrichtet hatte. Und da den Nieren als der Wurzel des Vorhimmlischen Qi (xiantian zhi ben 先天之本) eine wichtigsten und wesentlichsten Funktionen im Qi-Zusammenhang des Organismus zukommt, ist dies eine der besten Qigong-Übungen überhaupt, die ich kenne.
Und doch ist es gut und wichtig, dass es im Qigong viele verschiedene Übungen und Übungsfolgen gibt, und es ist für die Vertiefung der eigenen Praxis und des eigenen Verständnis sehr wohl sinnvoll und bereichernd, verschiedene Übungen kennenzulernen. Dies ist auch eines meiner Anliegen hier auf dem Blog, unterschiedliche Möglichkeiten des Übens vorzustellen. (Es sind jedoch nicht beliebige Übungen, und ich achte sehr darauf, was ich poste.)
Das Caveat dabei ist: Das Wesentliche findet man nicht in der Menge. Es braucht Erfahrung, langjährige Praxis und ein klares Wissen um die Theorie und die wesentlichen Prinzipien des Qigong, um sich in der Vielfalt der Übungen nicht zu verlieren. Darum empfiehlt man Anfängern, sich auf nur wenige Übungen zu beschränken. Zu leicht passiert es, dass man glaubt, viele Übungen zu kennen sei gleichbedeutend mit einem hohen Niveau und einer besonderen Wirksamkeit der eigenen Praxis.
Im Laufe der letzten Jahre sind auch auf diesem sowie auf dem alten Studio-der-Weißen-Wolken-Blog sehr viele Inhalte zusammengekommen, darum möchte ich wieder einmal an diejenigen Prinzipien des Qigong erinnern, die einem helfen können, sich in der Fülle nicht zu verlieren. Diese Prinzipien sind nicht Hochgeschraubtes, es geht nicht um komplexe Theorien, sondern um praktische Anleitungen, die die korrekten Wirkungen des Übens erst ermöglichen und einem helfen, die Richtung zu wahren.
So simpel es klingt, die wichtigsten Prinzipien sinnvollen Qigong-Übens, egal bei welcher Übung, sind diejenigen, die man wahrscheinlich schon in der ersten Stunde Qigong gehört hat: das Entspannen (song 鬆), das Ruhigwerden (jing 靜), und die Natürlichkeit (ziran 自然 - d.h. man lässt die Wirkungen des Übens sich natürlich entwickeln). Diese finden ihre Entsprechung in drei grundsätzlichen Prinzipien des Daoismus: Klarheit (qing 清), Stille (jing 靜), und Nicht-Tun (wuwei 無為 - d.h im Tun die Natürlichkeit nicht verlassen).
Bei Laozi finden wir dies so ausgedrückt: „Wer das Lernen übt, vermehrt täglich. Wer den WEG übt, vermindert täglich. Er vermindert und vermindert, bis er schließlich ankommt beim Nicht-Tun. Beim Nicht-Tun bleibt nichts ungetan."
Und da im chinesischen Denken die Einheit der Vielheit und die Einfältigkeit der Vielfältigkeit zugrunde liegt, heißt es bei Zhuangzi schlicht: „Dringe durch zum Einen, und alle Angelegenheiten werden vollendet..."
Dies ist bei weitem nicht alles, was dazu gesagt werden kann. Doch für hier genügt es. Mit dem Einen oder der Einheit unter der Vielfalt ist im Qigong das ursprüngliche Qi gemeint, die schöpferische Energie des Ganzen, die im eigenen Leben eine der Myriaden möglichen Ausdrucksformen gefunden hat. Es ist diese Energie in all ihren Wandlungen, die einen durch das Leben trägt. Man kann sie nicht tun, machen oder beeinflussen, aber man kann sie als den spontanen Prozess der allgegenwärtigen Veränderung und Transformationen entdecken, und man kann realisieren, dass man ihrer eigentlich immer teilhaftig ist.
Dies ist es, was gute Qigong-Übungen ausmacht: Sie lehren einen, im Konkreten und Alltäglichen zu bleiben, in Einfachheit, Klarheit, Stille und Natürlichkeit, um allmählich das Wirken der ursprünglichen schöpferischen Energie im Körper zu entdecken.

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